Die Physiker

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(Beitragsbild „Die Physiker“: Marek Kruszewski – mit freundlicher Genehmigung vom Theater Osnabrück)

 

Osnabrück. Die Physiker – Die verwischte Grenze zwischen Genie und Wahnsinn

 

„Die Physiker“ habe ich als Schülerin in der 9. Klasse kennengelernt. Als Pflichtlektüre war diese Komödie den meisten meiner Mitschüler erwartungsgemäß verhasst und meine damalige Deutschlehrerin empfand den Inhalt als zu sperrig – ich habe es jedoch gelesen und war von nun an großer Dürrenmatt-Fan. Die meisten seiner Werke habe ich geradezu verschlungen. Umso mehr habe ich mich gefreut, als bei der Spielplanpräsentation für die laufende Spielzeit bekannt gegeben wurde, dass das Osnabrücker Theater „Die Physiker“ auf die Bühne bringen würde.

Besonders faszinierend finde ich bei dieser Komödie, wie eindringlich die Erkenntnis greift, dass Genie und Wahnsinn nur ein sehr schmaler Grat trennt. Dürrenmatt, einer der größten Moralisten seiner Zeit, gelingt es auf subtile Art und Weise, dem Rezipienten eine urkomische Handlung darzubieten, die sukzessive in die Gewissheit umschlägt, dass unsere Gesellschaft eine exorbitante Verantwortung trägt, der sie sich nicht bewusst ist. Ethisch-moralische Werte werden eher subtil diskutiert, bis man sich mit der Haltung einzelner Protagonisten derart konfrontiert sieht, dass einem die eigentlich doch so offensichtliche Botschaft plötzlich wie ein Schlag ins Gesicht trifft: Unerwartet und mit voller Wucht.

Die Darstellung dieser Ambivalenz in der Ausarbeitung der Figuren ist dem Osnabrücker Ensemble hervorragend gelungen. Zunächst wirkt die Szenerie bunt und geradezu heiter. Die Charaktere werden gelegentlich etwas überzeichnet dargestellt, um die Absurdität einzelner Situationen hervorzuheben. Häufige Lacher erntet in diesem Zusammenhang auch das Feuerwerk an kleineren und größeren Anspielungen auf unseren heutigen Alltag: So lassen es sich der in den „Unglücksfällen“ – der Begriff „Mord“ wird gemieden, man habe es ja schließlich mit kranken Menschen zu tun – ermittelnde Kommissar (Martin Schwartengräber) und der assistierende Polizist (Niklas Bruhn) nicht nehmen, ein „Selfie“ mit einer der getöteten Krankenschwestern zu machen. Daumen hoch, kann man da nur sagen! Möbius (Stefan Haschke), der gerade eine „Attacke“ hinter sich gebracht hat, wird von Krankenschwester Monika (Anne Hoffmann) durch das Reichen seines Lieblingseis „Flutschfinger“ besänftigt. Kilton, bzw. sein Alter-Ego Newton (Thomas Kienast), hüpft auf der präsentierten Atombombe Little Boy rum und stimmt gutgelaunt „Atemlos“ an.

Auch die ernsteren Passagen sind überzeugend dargestellt und reißen die Zuschauer mit. Während zunächst davon ausgegangen werden muss, dass es sich bei den drei Bewohnern des Sanatoriums Les Cerisiers um Physiker handelt, die nervenkrank sind, gibt es bald erste Anzeichen dafür, dass sich die Dinge in dem kleinen Schweizer Ort, in dem das Stück spielt, wohl doch anders verhalten als zunächst geahnt. Symbolträchtig und mit viel Interpretationsspielraum zeichnen die Hauptdarsteller ihre Rollen. Allen drei Physikern ist gemein, dass ihnen die betreuenden Krankenschwestern emotional zu nahegekommen und damit ihrem Geheimnis auf die Spur gekommen sind. Als nun auch Schwester Monika dem Patienten Möbius ihre Liebe gesteht und ihn mit der Tatsache konfrontiert, dass er gar nicht verrückt sei, kommt es zur entscheidenden Wende im Sanatorium. Ganz offen geben auch Kilton und Eisler ihre wahre Identität bekannt und appellieren an Möbius, seine wissenschaftliche Arbeit in die Dienste ihrer Regierungen zu stellen. Kilton ist der Meinung, dass Forschung um der Erkenntnisse wegen betrieben werden solle und die Menschen selbst entscheiden müssen, wie sie diese Erkenntnisse nutzen. Eisler hingegen ist der Überzeugung, dass man sich grundsätzlich für ein politisches System entscheiden müsse und dass dieses in Abhängigkeit der Wissenschaftler stehen solle. Inwiefern dies praktikabel ist, sei dahingestellt. Auch Möbius, der mit Abstand Reflektierteste der drei Physiker, weist seine Kollegen auf diesen Umstand hin. Möbius erklärt seine Beweggründe, sich freiwillig in die „Irrenanstalt“ zurückgezogen zu haben – ein Mann von Integrität und wahrer Größe. Ihm wurde neben der Gefahr einer politischen Instrumentalisierung seiner bahnbrechenden Forschungsergebnisse bewusst, welche Verantwortung die Wissenschaft gegenüber der Gesellschaft hat und welch prekäre Konsequenzen es nach sich zieht, wenn leichtfertig gehandelt wird. An diesem übergeordneten Ziel orientiert, habe er sogar das Wohl seiner Mitmenschen über das eigene gestellt und sich in freiwillige Gefangenschaft begeben. Die Menschen müssen vor sich selbst geschützt werden. Besonders symbolträchtig ist in diesem Zusammenhang, dass Möbius sich das Erscheinen des König Salomo erdacht hat, der als Sinnbild für Gerechtigkeit ohne Beachtung und Zuwendung geradezu verwahrlost die Menschheit ob ihrer Taten anklagt.

Die Ironie des Schicksals schlägt unmittelbar nach dieser Offenbarung zu: Das einst so heilsame Resort wird zum tatsächlichen Gefängnis für die drei Wissenschaftler. Der Vergleich mit einer griechischen Tragödie liegt hier nahe, denn durch die bewusste Entscheidung Möbius einen Weg einzuschlagen, um ein zukünftiges Geschehen zu verhindern, ermöglicht dieses erst. Die Beichte der drei Physiker verleitet auch die Leiterin von Les Cerisiers zu ihrer eigenen: Ihr sei ebenfalls der König Salomo erschienen und habe sie als Heilsbringerin auserwählt. Da Möbius seinem Auftrag nicht nachgekommen sei, sei es nun ihre Aufgabe, die Welt mithilfe der Forschungsergebnisse einer neuen Herrschaft zu unterwerfen. Ein Abstreifen des Ärztekittels, ein sich symbolisches Erheben aus der Gebrechlichkeit ihres bisherigen Daseins – sie saß vermeintlich hilfsbedürftig in einem Rollstuhl – und das Entfernen des MakeUps lassen Fräulein Dr. von Zahnd (Monika Vivell) ihr wahres Gesicht zeigen: Einen Trust habe sie aufgebaut, der sukzessive mithilfe des Familienvermögens kleine und große Unternehmen aufgekauft und unter ihrer Leitung wirtschaftlich vereint hat. Wieder einmal muss man schlucken, denn so unbekannt kommt einem diese Entwicklung nicht vor. Schöne neue Welt?

Die drei Physiker kapitulieren und fügen sich den Umständen, so gut wie möglich. Letztlich scheinen sie dem zunächst vorgetäuschten Wahnsinn tatsächlich zu verfallen und richten sich in ihrem überwachten Gefängnis, das vormals ein gemütlicher Pavillon mit idyllischem Gartenzugang gewesen ist, häuslich ein. Die Katharsis scheint zumindest für diese drei nun doch noch erreicht worden zu sein. Ein letzter Ausblick, der den ethischen Denkanstoß der Bühneninszenierung perfekt macht, ist die Abschlussszene, in der ein Astronaut auf die Erde herabschaut und die Primitivität und Naivität der Menschen als einzige Gattung anprangert, die sich selbst zerstört und dafür etwas Übergeordnetes verantwortlich zu machen versucht.

„Die Physiker“ – ein moralischer Geniestreich, der großartig vom Osnabrücker Ensemble umgesetzt wurde!

 

(Veranstaltungsdatum: 20.05.2016)

 

Literaturhinweis: Friedrich Dürrenmatt: Die Physiker. Eine Komödie in zwei Akten, 41. Auflage, Diogenes 1998; ISBN-13: 978-3257230475; 8,00 Euro

 

 

Besetzung:

Inszenierung: Gustav Rueb
Bühne: Peter Lehmann
Kostüme: Dorothee Joisten
Dramaturgie: Marie Senf
Fräulein Doktor Mathilde von Zahnd: Monika Vivell
Herbert Georg Beutler/Newton/Kilton: Thomas Kienast
Ernst Heinrich Ernesti/Einstein/Eisler: Oliver Meskendahl
Johann Wilhelm Möbius: Stefan Haschke
Richard Voß, Kriminalinspektor: Martin Schwartengräber
Marta Boll, Oberschwester / Uwe Sievers, Oberpfleger: Anke Stedingk
Frau Missionar Lina Rose / Monika Stettler, Krankenschwester: Anne Hoffmann
Blocher, Polizeiassistent / Herr Missionar Oskar Rose: Niklas Bruhn
Adolf-Friedrich: Maxim Kasper / Nikita Chmoul
Wilfried-Kaspar: Till Engelmann / Konstantin Lehan 
Jörg-Lukas : Jasper Weglage / David Marcu
Pfleger: Alejandro Dinkelberg, Mathias Olschewski, Maurice Bertke

 

2 Gedanken zu „Die Physiker

  1. Ich hab mir das Stück auch angesehen und muss sagen, die Inszenierung als Solche hat mir nicht gefallen, wenngleich die Darsteller fabelhaft waren, ganz besonders die drei Physiker waren fantastisch!
    Meiner Meinung nach wurde das Stück an einigen Stellen zu sehr in die Länge gezogen und wurde dadurch sehr anstrengend, beinahe nervig – insbesondere die anscheinend gewollte Übertreibung.
    Liebe Grüße
    Tama <3

    1. Liebe Tama!
      Erstmal vielen Dank für deinen Kommentar! 🙂 Ich kann gut verstehen, dass die Art der Inszenierung polarisiert. Eine Freundin von mir – übrigens Lehrerin, die „Die Physiker“ gerade im Unterricht durchgenommen hatte – hat sich auch sehr drauf gefreut und ist nicht gerade begeistert gewesen. Sie hat gemeint, dass ihr das Stück insgesamt zu abgedreht gewesen ist. V.a. die Sexualisierung hat sie gestört. Diese Übertreibungen haben mir ja gerade gut gefallen, weil ich da i.d.R. sehr viel Symbolik rein interpretiere. Aber klar, grundsätzlich ist sowas immer reine Geschmackssache und hat auch ein Stück weit mit Medeingewohnheit und -erwartung zu tun. Kennst du zum Beispiel Stanley Kubricks Werke? Da stoße ich auch schell an meine Grenzen, was die Rezeptionshaltung angeht. Die Einganssequenz bei „2001 – A Space Odyssey“ wirkte für mich wie eine Ewigkeit. Und da ich vor dem Hintergund aufwühlender Musik von Wagner nur auf die Kulisse eines schwarzen Bildschirmes starren konnte, machte es mich sogar ziemlich aggressiv. Nichts passierte und die Spannung zerrte an den Nerven.

      Viele Grüße,

      Sina

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