Don Carlos

Titelbild_DonCarlos

Osnabrück. Don Carlos auf der Suche nach seinem Platz in der Gesellschaft

 

Don Carlos zählt zu den Klassikern der deutschsprachigen Literatur und ist den meisten Menschen hier wohl ein Begriff. Schiller setzt sich in seinem „dramatischen Gedicht“ in fünf Akten mit historischen Begebenheiten am spanischen Hofe König Philipps II. auseinander (16. Jhdt.). Im Vordergrund steht hierbei der gesellschaftlich-politische Konflikt, der durch das Bestreben der niederländischen Provinzen, allen voran Flandern, nach Unabhängigkeit von der spanischen Regierung geschürt wird. Don Carlos ist der Sohn Philips, der an den sozialen Verhältnissen am Hofe zerbricht und stets um die Anerkennung seines Vaters buhlt, die ihm verwehrt bleibt. Erschwerend kommt der Umstand hinzu, dass Philipp sich die große Liebe seines Sohnes, Elisabeth von Valois, zur Frau nimmt. Der Grund hierfür ist ein ganz pragmatischer: Im Zuge der Friedensverhandlungen zwischen Spanien und Frankreich wurde die Eheschließung zwischen Philipp und Elisabeth beschlossen, für persönliche Befindlichkeiten war hier, wie wohl so oft, kein Platz.

Don Carlos, dargestellt von Orlando Klaus, stellt in der Bühnenadaption souverän heraus, welch seelische Qualen der junge Prinz erleidet, da seine ehemalige Verlobte nun seine Stiefmutter geworden ist. Orlando Klaus ist ein brillanter Charakterdarsteller, der hervorragend seine Rollen herausarbeitet. Bereits nach wenigen Augenblicken leidet man mit diesem jungen Mann auf der Bühne, dem es zum Nachteil reicht, ein sanftmütiger und aufrichtiger Mensch zu sein. Genau diese edlen Wesenszüge sind es, die ihm von seinem Vater Philipp (Thomas Kienast) als Schwäche ausgelegt werden und ein gewisses Maß an Verachtung anstatt der wünschenswerten väterlichen Liebe einbringen. Hinzu kommt, dass der gesamte Hof von Intriganten zu wimmeln scheint, jeder beabsichtigt im politischen Ränkespiel ganz oben dabei zu sein. So ergeben sich so mancherlei Übereinkünfte und auch Missverständnisse, die ein Miteinander und Zueinanderfinden der einzelnen Charaktere immer verworrener werden lässt.

Eine insgesamt drückende Stimmung wird dramaturgisch erzeugt: Dunkle Farben herrschen vor, Licht wird gezielt zur Erzeugung von Atmosphäre eingesetzt. So scheint die Sonne doch etwas heller zu strahlen, als sich Elisabeth von Valois, gespielt von Marie Bauer, einer ausgelassenen Plauderei mit ihren Hofdamen hingibt. Die Gefolgschaft der neuen Königin von Spanien besteht aus der Marquisin von Mondecar (Anne Hoffmann), und der Herzogin von Eboli (Christine Diensberg). Stephanie Schadeweg ist gleich in mehrere Rollen vertreten: Sie gibt sowohl eine der Hofdamen, als auch die Infantin Klara Eugenia, einen Pagen des Königs und den Großinquisitor Pater Domingo, der erheblich die Fäden im Hintergrund der spanischen Politik zieht.

Die gesamten 2,5 Stunden der Aufführung sind mitreißend inszeniert – packend wie ein Krimi. Die Spannung steigt stetig und als Rezipient im Zuschauersaal fiebert man mit den beiden Liebenden mit: Können sie trotz aller Widrigkeiten zueinander finden? Wie weit ist der junge Prinz bereit zu gehen, um endlich den angemessenen Respekt des Hofes für sich einzufordern? Bereits schnell wird deutlich, welch großen Einfluss der Herzog von Alba (Patrick Berg) auf den König hat und welche Bande diesbezüglich geknüpft werden, steht er doch, zumindest was die politischen Interessen angeht, dem Großinquisitor recht nahe. Klar ist auch, dass trotz aller Übereinkünfte jeder Protagonist für seine eigenen Interessen kämpft und sich diese keinesfalls von seinen Konkurrenten gefährden lässt. Auch wenn sich die Situation am Hofe zuspitzt – Don Carlos hegt plötzlich ungeahnte Wünsche was eine Bewährung durch die Übernahme eines Postens in Flandern angeht, wodurch er die Pläne von Alba durchkreuzt – scheint zumindest die Positionierung der Personen in diesem Spiel um Macht relativ eindeutig.

Lange unklar bleibt jedoch, welche Rolle der Jugendfreund von Carlos, der Marquis von Posa (Stefan Haschke) hierbei einnimmt. Zunächst scheint es, dass es sein einziges Ziel ist, seinem leidenden Freund in seinem Dilemma beizustehen und ihn so gut es geht zu unterstützen: Er spielt Elisabeth Botschaften zu und sucht das vermeintlich klärende Gespräch bei König Philipp persönlich. Völlig überzeugend spricht er bei diesem vor und versucht sich dafür einzusetzen, dass Carlos den gewünschten Posten in Flandern zugesprochen bekommt. Alsbald entsteht der Eindruck, dass diese Unterredung nicht nur einen selbstlosen Zweck erfüllt, denn Philipp ist von Posas liberalen Ansichten und zukunftsorientierten Ansichten derart beeindruckt, dass er ihn als Berater heranzieht. Stefan Hachke stellt Posa in all seinen Facetten authentisch dar, so ist er einmal der treusorgende Weggefährte, dann wieder der klug argumentierende Nachwuchsstratege auf politischer Flur – nebenbei erwähnt: Posa stammt aus Flandern. Bis zum Schluss fühlt man sich hin und her gerissen, was die Figur angeht. Auf welcher Seite steht er wirklich? Ist er wirklich die loyale Vertrauensperson, für die man ihn anfangs gehalten hat oder handelt er gerissen zum Wohle seiner Heimat? Auch der König sieht sich alsbald mit seiner inneren Zerrissenheit angesichts der Entwicklungen am Hofe konfrontiert und macht eine Entwicklung durch. Eine anfänglich erkennbare Paranoia gipfelt letztlich in einer ausgeprägten Manie, die von Thomas Kienast eindrucksvoll in Szene gesetzt wird.

Die Bühnenadaption von Schillers Werk ist einfach grandios gelungen: Spannung bis zur letzten Minute, Charaktere, mit denen man leidet und auch mitfiebert, allesamt großartig dargestellt und ausgearbeitet. Eine klare Empfehlung!

(Veranstaltungsdatum: 21.01.16)

 

Literaturhinweis: Friedrich Schiller: Don Carlos, Anaconda, 2007, ISBN-13: 978-3866471184; 3,95 Euro

 

Einen guten ersten Eindruck bekommt ihr im Trailer vom Theater Osnabrück:

 

Besetzung:

Inszenierung: Alexander Charim
Bühne und Kostüme: Ivan Bazak
Musik: Eberhard Schneider
Dramaturgie: Maria Schneider, Sven Kleine

Philipp der Zweite, König von Spanien: Thomas Kienast
Infantin Klara Eugenia, ein Kind von drei Jahren: Stephanie Schadeweg
Elisabeth von Valois, seine Gemahlin: Marie Bauer
Don Carlos, der Kronprinz: Orlando Klaus
Herzogin Olivarez, Oberhofmeisterin: Stephanie Schadeweg
Marquisin von Mondecar, Dame der Königin: Anne Hoffmann
Prinzessin Eboli, Dame der Königin: Christine Diensberg
Marquis von Posa, ein Malteserritter: Stefan Haschke
Don Raymond von Taxis, Oberpostmeister: Anne Hoffmann
Herzog von Alba, ein Grande von Spanien: Patrick Berg
Domingo, Beichtvater des Königs: Dennis Pörtner
Der Großinquisitor des Königreichs: Stephanie Schadeweg
Ein Page der Königin: Stephanie Schadeweg

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