Edith Piaf: „La vie en rose“

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Osnabrück/Paris/die Welt. Das Leben der Chansonsängerin Edith Piaf – Eine DVD-Besprechung

Edith Piaf. Eine berühmte Persönlichkeit, deren Leben in dem Film „La vie en rose“ nachgezeichnet wird. Es wird eine Geschichte erzählt, die für ein solch schönes Happy End prädestiniert gewesen wäre, hätte es sich um den Geistesblitz eines Autors gehandelt. Tatsächlich ist die Geschichte Edith Piafs jedoch eine ganz andere. Persönliche Tragödien, wohin man blickt, begleiten Ediths Weg.

lavieenroseKindheit gezeichnet von Armut und Gewalterfahrungen

Bereits ihre frühe Kindheit stand unter keinem guten Stern. Von der Mutter, einer mittellosen und völlig erfolglosen Straßensängerin, wird die kleine Edith kurz nach ihrer Geburt (*1915) bei ihrer Großmutter untergebracht. Hier muss sie hungern und verwahrlost zunehmend, bis ihr Vater die Kleine zu seiner eigenen Mutter bringt. Nun wird sich zwar rührend um das kleine Mädchen gekümmert. Allerdings wächst sie die kommenden Jahre in den Räumlichkeiten des Etablissements ihrer Großmutter, einem Bordell in der Normandie, auf. Sicherlich nicht der richtige Ort für ein Kind. Dennoch scheinen eben die Jahre, die sie hier verbringt, mit Abstand zu den glücklichsten ihrer gesamten Kindheit zu zählen. Tagtäglich erlebt sie, wie Freier die Hand gegen die liebenswürdigen Prostituierten erheben, und wird trotz der rohen Gewalt, wie eine kleine Prinzessin behandelt. Schon nach kurzer Zeit erlebt sie einen schwerwiegenden Einschnitt in ihr junges Leben: Durch eine Augenentzündung verliert sie vorübergehend ihr Augenlicht.

Wer hoch fliegt, kann tief fallen

Wieder tritt der Vater auf und entreißt das inzwischen gesunde Mädchen der Obhut ihrer liebenden Großmutter. Er hat entschlossen, sie zu seiner Begleiterin zu machen. Zunächst im Zirkus, später als Straßenkünstlerin lernt Edith weiterhin die rauen Sitten der Straße kennen, die sie ihr Leben lang prägen werden. Im zarten Alter von 17 verdient sie illegal als Straßensängerin etwas Geld dazu. Zunächst von Vater und Zuhälter bedrängt, wird schließlich der Kabarettbesitzer Louis Leplée (in einer Nebenrolle von Gérard Dépardieu dargestellt) während eines Spaziergangs auf sie aufmerksam und nimmt sie schließlich unter Vertrag. Binnen kurzer Zeit kann sich Edith von ihrem ärmlichen Dasein verabschieden und wird professionell gefördert.

Ihr Zerbrechlichkeit und ihre geringe Körpergröße von nur 1,47m bringen ihr den Künstlernamen „Piaf“, der kleine Spatz, ein. Edith wird zur Marke, die Hochs und Tiefs erlebt. Einen Karrierebruch erfährt sie, als sie 1935 in Verdacht gerät, ihren Manager ermordet zu haben. Nach zwei Jahren fängt sie sich und betritt die Bühne erfolgreicher als jemals zuvor. Einer Weltkarriere steht nichts mehr im Wege. Sie arbeitet mit Größen ihrer Zeit wie Marlene Dietrich, mit der sich auch eng befreundet ist, Yves Montand, Jean Cocteau und Charles Aznavour.

Große schauspielerische Leistung, Schwächen in der Regie

Marion Cotillard weiß die zierliche Chanson-Sangeron in allen Facetten ihrer Gemütsschwankungen überzeugend zu verkörpern. Alle Höhenflüge des Spatzen, jede schmerzvolle Erfahrung ist nachzuempfinden. Auch die Darstellung aller Schauplätze wirken authentisch, wenngleich die Erzählgeschwindigkeit des Regisseurs Olivier Dahan streckenweise schwierig nachzuverfolgen ist. Zeitliche Sprünge sind nicht immer einzuordnen, allzu häufig kommen Wendepunkte in Leben und Karriere der Sängerin zu überraschend, um sie richtig einordnen zu können. So wird der Umstand, dass die 16jährige Edith eine kleine Tochter zur Welt gebracht hat, völlig ausgespart. Den Umständen entsprechend viel zu kurz abgehandelt wird die Existenz der kleinen Marcelle, indem der Tod der Zweijährigen durch Hirnhautentzündung gezeigt wird. Weiterhin wird mit Rückblenden gearbeitet, die Edith ein Stück weit ihre eigene Geschichte erzählen lassen. Ein schöner Kunstgriff wiederum, der den zunehmenden körperlichen Verfall der an Krebs, Arthritis und Morphiumsucht leidenden Frau aufzeigt. Edith bzw. Marion steht klar im Fokus des Geschehens, die zahlreichen Nebenrollen sind auch als solche wahrzunehmen.

Edith Piaf: Zerbrechlich durch und durch

Die Manieren des Gossenkindes, das sich auf sich selbst gestellt durchschlagen muss, hat sie nie ablegen können. Ihre Umgangsformen sind grob und verletzend. Letztlich lässt sich aber erkennen, dass die kleine Kämpferin dieses Verhalten als reine Schutzmaßnahme pflegt. Empfindsam flüchtet sie sich schon früh in den Alkoholismus und leidet zunehmend unter ihren eigenen Ansprüchen, an denen sie zugrunde geht. Eine Liebschaft hier, eine Affäre dort. Wirklich zur Ruhe kommt sie nur einmal annähernd, doch das vermeintliche Glück verflüchtigt sich fatalerweise allzu schnell, als ihr aufrichtig geliebter Marcel Cerdan, ein berühmter Boxweltmeister, bei einem Flugzeugabsturz 1949 ums Leben kommt. Eine tiefe Sinnkrise erfasst Edith, die sich als depressive Verstimmung verschiedener Intensität durch die kommenden Jahre zieht. Die sich rapide verschlechternde gesundheitliche Situation trägt ihren Teil hierzu bei. In Folge eines Verkehrsunfalls muss sie mehrfach operiert werden und greift nun tagtäglich zu Morphium, um ihre Schmerzen im Zaum zu halten.

Ein kurzes Spatzenleben gezeichnet von Höhenflügen und Abstürzen

Anstatt sich zu schonen und sich Schwäche einzugestehen, markiert sie die starke Frau auf der Bühne. Schließlich bricht sie mehrfach zusammen. Ein Weltstar, der zu früh gegangen ist und ein Leben lang eine Fassade aufrecht gehalten hat. Es wäre ihr zu wünschen gewesen, dass sie mehr vom Leben gehabt hätte und ihr das gleiche Glück zuteil geworden wäre, das sie bei ihren Zuhörern bewirkt hat. Liebe, Anerkennung ihrer Arbeit und Zufriedenheit sind ihr nie umfassend bewusst geworden. Niemals ist sie wirklich irgendwo angekommen. Auf bedrückende Weise sieht man als Zuschauer die Chanson-Koryphäe dahinsiechen und des Lebens überdrüssig werden. Im Alter von gerade einmal 48 stirbt Edith sichtlich gealtert.

Der Film gibt eindrucksvoll wieder, was bereits zu Beginn der tragischen Geschichte des Spatzen von Paris zu vermuten ist: Das viel besungene „La vie en rose“ ist für Edith allem Ruhm zum Trotz ihr Leben lang eine Illusion geblieben.

 

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