Hinter den Kulissen: Der Theaterschneider

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(Alle Bildrechte für diesen Beitrag bei: (c) Rufus Reiner Unfug)

 

Augsburg. Der Theaterschneider Rufus Reiner Unfug ermöglicht einen Blick hinter die Kulissen

Als regelmäßige Besucherin und Kritikerin von Theaterstücken aller Sparten, ist es mir immer wichtig – soweit möglich-, auch die Arbeit der zahlreichen Mitarbeiter zu würdigen, die sozusagen hinter den Kulissen zum Gelingen einer Inszenierung beitragen. Auch wenn eine enorm große Verantwortung auf den Schultern der Schauspieler/Sänger/Tänzer lastet und diese im Fokus stehen, gibt es zahlreiche Akteure, die bereits im Vorfeld oder aber begleitend dafür sorgen, dass sich ein Gesamtbild ergibt, das die Menschen im Publikum verzaubert, begeistert, provoziert oder in welcher Form auch immer überrascht. Offensichtlich handelt es sich hierbei um Dramaturgen und Theaterregisseure, aber auch Vertreter anderer Berufsgruppen. Denn was wäre eine Oper ohne imposante Kleider und ausgeklügeltes Bühnenbild? Wer sorgt für reibungslose Abläufe in der Technik und hilft bei Texthängern? Letztendlich ist es die Zusammenarbeit unzähliger Menschen im Vorder- und Hintergrund, die eine Inszenierung zu dem machen, was sie ist.

Aus diesem Grund habe ich ein Interview mit jemandem geführt, der durch seine Arbeit maßgeblich zum berühmten ersten Eindruck auf der Bühne beiträgt: Rufus Reiner Unfug ist Theaterschneider am Theater Augsburg und gibt einen schönen Einblick in seine interessante Arbeit und wartet mit einigen ungeahnten Informationen auf.

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Hallo Rufus! Vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst und ein wenig über deinen Beruf erzählst. Es handelt sich um einen besonderen Einblick hinter die Kulissen des Theaters, denn nur selten kommen auch die Leute zu Wort, die für die Umsetzung der außergewöhnlichen Ausstattungen verantwortlich sind.

Rufus Reiner Unfug: Ich danke Dir, dass Du mir die Möglichkeit gibst, mal ein wenig von hinter den Kulissen zu berichten. Selbst ich, der ich am Theater arbeite, bekomme nur sehr wenig von den Abläufen dieses komplexen Gebildes mit. Soll heißen, ich weiß kaum was außerhalb der Werkstatt geschieht, weil ich daran nicht beteiligt bin. Aber immerhin habe ich eine ungefähre Ahnung davon, wie viele Menschen und Abteilungen an einer einzelnen Produktion mitarbeiten. Der Besucher, der ins Theater geht hat kaum ein Vorstellung, was an Arbeit und Logistik dahinter steht. Das führt bei vielen Menschen zu einer geringen Wertschätzung der Arbeit unserer Theater. Ich finde es wichtig, dass Außenstehende einen Einblick in das Wirken der Theaterleute bekommen!

In der vergangen Spielzeit mussten wir in Augsburg unsere Existenzberechtigung verteidigen. Eine Gruppe von Kritikern hatte zu einem Bürgerbegehren gegen die geplante und dringend nötige Sanierung unseres Theaters aufgerufen. In diesem Zusammenhang wurde mir klar, wie wenig Verständnis die Öffentlichkeit für alles hat, was mit dem Theater zu tun hat. Deshalb habe ich gerne zugestimmt, als Du um dieses Interview batest.

 

Es ist schön, dass du so viel Engagement für deinen Arbeitsplatz zeigst. Wie genau hat es dich denn ans Theater verschlagen?

Unfug: Dass ich beim Theater gelandet bin, ist eine Mischung aus Berechnung und Glück. Nach der Realschule hatte ich zunächst erst einmal eine Lehre als Schauwerbegestalter (früher Dekorateur, und heute heißt es meines Wissens schon wieder anders) gemacht. Während dieser Ausbildung hatte ich schon die Idee, auf Basis dieser Lehre irgendwann einmal am Theater arbeiten zu können, natürlich mehr in Richtung Bühnenbild. Ein Plan, der dann aber nicht umsetzbar war. Nach einer ungelernten Tätigkeit im Verkauf und längerer Arbeitslosigkeit ergab sich schließlich die Möglichkeit, eine Umschulung zu machen. Auf der Suche nach dem geeigneten Beruf erfuhr ich, dass Herrenschneider aufgrund ihrer Seltenheit am Theater immer sehr gesucht seien. Am liebsten hätte ich meine Ausbildung natürlich gleich im Theater selbst gemacht, aber unser Theater bildet nur Damenschneider aus. Zumindest bis jetzt, das soll sich in der nächsten Spielzeit jedoch ändern …

 

Es stellten sich dir also einige Hindernisse in den Weg, aber dennoch bist du dran geblieben?

Unfug: Ja, ich musste mir also einen anderen Ausbildungsplatz suchen. Ich fand in Christopher Werani, in Donauwörth, einen hervorragenden Lehrmeister, bei dem ich viel gelernt habe. Ich konnte dort mehr als nur die Herrenschneiderei erlernen, da er auch Damenschneidermeister ist und die Aufträge entsprechend abwechslungsreich waren. Wir arbeiten unter anderem für die Donauwörther Stadtkapelle (Uniformen) und für verschiedene Trachtenkapellen der Region. Außerdem bietet so ein kleiner Familienbetrieb die Möglichkeit viel zu lernen, da man von Anfang an an der „richtigen Arbeit“ beteiligt ist und nicht nur rumspielt. [Rufus grinst breit]

Ich bin nach meiner Lehre auch noch eine Weil dort geblieben, aber auf lange Sicht war ein Geselle für den kleinen Betrieb finanziell nicht tragbar. Zu wenige Menschen können oder wollen sich heutzutage Maßkleidung leisten und so trennten sich die Wege. Nach einem missglückten Ausflug in die Selbstständigkeit hatte ich endlich die Möglichkeit, mich auf eine ausgeschriebene Vollzeitstelle im Augsburger Theater zu bewerben. Zwar hat das damals im ersten Anlauf nicht geklappt, aber etwa ein halbes Jahr später, als eine Teilzeitstelle frei wurde, erhielt ich einen Anruf, ob ich daran interessiert sei. Da ich zu dieser Zeit arbeitslos war, nahm ich gerne an, auch wenn ich ursprünglich eine Vollzeitstelle gesucht hatte. Da ich keine großen Ansprüche habe und auch keine Fahrtkosten anfallen, genieße ich inzwischen die kürzeren Arbeitszeiten und bin letztlich froh, dass es so gekommen ist.

 

Was fasziniert dich am meisten an deiner Arbeit?

Unfug: Das Faszinierende an der Arbeit am Theater ist für mich die Abwechslung. Es gibt immer wieder ungewöhnliche Stoffe, ausgeflippte Kombinationen und verrückte Designs. Bei manchen Arbeiten gibt es keine Erfahrungen oder Fachwissen, auf das man zurückgreifen kann, und man muss mit den Materialien spielen und experimentieren, um herauszufinden, wie man ein bestimmtes Ergebnis erreicht.

Uniform Giulio, Kandaules (7)

Du sagtest, die Arbeit am Theater hätte dich schon immer gereizt. Warum genau hast du dich hierfür entschieden?

Unfug: Es war wohl in erster Linie der Wunsch nach einem nicht alltäglichen Job, bei dem ich meine Begabungen nutzen kann. Ich hoffte, meine Stärken, die in der Freien Wirtschaft wenig hilfreich waren, am Theater sinnvoll einsetzen zu können – und es funktioniert recht gut. Ich bin nicht gerade der schnellste Arbeiter, was in vielen Schneidereien ein Problem ist, dafür habe ich aber Geduld und mag es, an kniffeligen Details zu arbeiten. Außerdem liebe ich es, wenn ich mich neuen Herausforderungen stellen darf.

 

Als Außenstehender kann man sich das nur schwierig vorstellen, deshalb ja auch dieser Blick hinter die Kulissen. Wie sieht denn ein typischer Arbeitstag bei dir aus?

Unfug: Im Grunde unterscheidet sich mein Arbeitstag nicht wesentlich von dem eines anderen Schneidergesellen. Unser Arbeitstag beginnt um 7 Uhr und endet für mich um 12:20, die Vollzeitkräfte arbeiten bis 16 Uhr und Freitags ist um 12 Uhr Schluss.

Meine Arbeit bekomme ich entweder von der Gewandmeisterin direkt oder von der Vorarbeiterin zugeteilt. Die Arbeiten werden besprochen und dann nähe ich, bis das Stück probiert werden kann oder fertig ist, je nachdem. Manchmal muss ich die Arbeit unterbrechen, um etwas Eiligeres dazwischen zu schieben, kurzfristig angesetzte Anproben, Änderungen während der Endproben oder Reparaturen aus den laufenden Produktionen usw.

Neben den Neuanfertigungen, fallen natürlich auch immer eine Menge Änderungen an. Denn wir haben einen umfangreichen Fundus und da das Theater natürlich auch auf die Kosten achten muss, werden, wenn möglich, auch immer wieder große Teile einer Produktion aus dem Fundus bestückt. Dazu kommt natürlich auch, dass die Kostüme oft nicht neu aussehen sollen, sondern ein abgetragenes Aussehen durchaus gewollt ist. Entsprechend werden dann, wenn sich ein Kostümbildner in ein bestimmtes, altes Stück verliebt hat, teilweise auch sehr aufwändige Änderungen durchgeführt, obwohl eine Neuanfertigung manchmal einfacher wäre.

 

Das hört sich nach einer Menge Arbeit an, die einiges an Zeit und Geschick erfordert. Wie viele Leute arbeiten denn bei euch in der Schneiderei?

Unfug: In der Herrenschneiderei sind wir derzeit zu sechst. Vier Vollzeitkräfte, eine davon die Vorarbeiterin, und zwei in Teilzeit (einer bin ich). Eine weitere Teilzeitstelle ist vakant und soll nun, wie eingangs angedeutet, in eine Ausbildungsstelle umgewandelt werden, da wir Herrenschneider ein ziemliches Nachwuchsproblem haben.

In der Damenschneiderei sind es auch nochmal sechs Damen und die Lehrwerkstatt bildet z.Zt. sechs Mädchen aus. Dazu kommen je eine Gewandmeisterin für Herren und Damen, eine Lehrmeisterin, ein Modistin, die Leiterin der Kostümabteilung und ihre Vertretung, eine Kostüm-Assistentin und das Funduspersonal sowie die Ankleider. Insgesamt sind, wenn ich das jetzt richtig überblicke, rund 35 Personen in der Kostümabteilung fest angestellt. Es gibt aber auch gelegentlich Aushilfen und Praktikanten. Und wenn es nötig wird, werden auch Arbeiten an externe SchneiderInnen ausgegeben. Wer es ganz genau wissen möchte, kann sich das Ganze auf unserer Homepage anschauen.

 

Du erwähntest, dass Ihr am Augsburger Theater auch eine Lehrwerkstatt habt. Erzähl doch mal ein bisschen, worum es sich dabei genau handelt.

Unfug: Die Lehrwerkstatt dient der Ausbildung unseres Damenschneidernachwuchses. Diese Werkstatt, die in einem eigenen Raum untergebracht ist, untersteht einer eigenen Gewandmeisterin.

Die Arbeitsweise dort ist mir nur sehr oberflächlich bekannt, da ich zum Einen nicht dort ausgebildet wurde, zum Anderen arbeitet die Herrenschneiderei nur selten enger mit den Lehrlingen zusammen. Unsere Lehrlinge fertigen nicht nur Übungsstücke, sondern arbeiten, soweit ich das beurteilen kann, hauptsächlich an den aktuellen Produktionen mit. Die Lehrwerkstatt bekommt ihren eigenen Anteil an Kostümen zugeteilt und arbeitet weitgehend unabhängig von den anderen Werkstätten, wobei es allerdings allgemein einen guten Austausch an Informationen zwischen unseren einzelnen Werkstätten gibt. Das ist auch notwendig, denn gerade am Theater verschwimmen die Grenzen zwischen Herren- und Damenschneiderei nicht selten und man wird mit Arbeiten konfrontiert, für die man nicht ausgebildet wurde.

Es ist in der Tat sogar so, dass die Lehrwerkstatt häufig die aufwendigsten und ausgefallensten Kostüme anfertigt. Diese haben natürlich ein großes Potenzial für die Azubis, um Erfahrungen zu sammeln, und dort ist oft auch mehr Zeit für Spielereien und Experimente. Das sorgt dafür, das unsere Lehrlinge eine sehr breitgefächerte Ausbildung erhalten. Bei den alljährlichen Märchenproduktionen beispielsweise, die um die Weihnachtszeit und Jahreswechsel laufen, fallen der Lehrwerkstatt meist die spektakulärsten Kostüme zu. In dieser Spielzeit eröffneten wir die Saison mit dem Ballett „Der Nussknacker“, für das sie diese fantastischen Süßigkeiten-Kostüme produziert haben.

 

Wie genau laufen denn die Prozesse bei euch ab, wenn ein neues Stück inszeniert werden soll. Du bekommst ja deine Anweisungen für die erforderlichen Kostüme von der Gewandmeisterin. Wie geht es dann weiter, wenn die Kostümideen stehen und ihr diese gemeinsam durchgesprochen habt?

Unfug: Am kreativen Prozess sind wir so gut wie gar nicht beteiligt, und soweit ich das beurteilen kann, haben da auch die Gewandmeister kaum etwas zu sagen. Diesen unterliegt in erster Linie die Umsetzung der Ideen der Kostümbildner, die in der Regel für die einzelnen Stücke engagiert werden. Ob und wie weit unsere Gewandmeister in das Design der Kostüme eingreifen können, kann ich nicht beurteilen und ist vermutlich auch stark von dem jeweiligen Kostümbildner abhängig.

Ich erhalte meine Arbeit dann meistens von der Gewandmeisterin, die mir das zugeschnittene Kostüm übergibt und mit mir durchspricht, wie sie sich die Verarbeitung vorgestellt hat. Auch welche Arbeiten schon vor der Anprobe fertiggestellt werden können und was erst mal nur geheftet wird. Das hängt immer davon ab, um was für ein Kleidungsstück es sich handelt. Eine normale Hose z.B. wird zur Anprobe meist schon fast fertig gemacht, das heißt die Taschen werden schon eingearbeitet, der Reißverschluss kommt rein und oft machen wir auch schon den Bund mit Knopf, Knopfloch und Haken fertig. Geheftet wird da dann nur der Saum.

Wir können das deswegen so machen, weil die Hosen grundsätzlich etwas anders verarbeitet werden, als man das von Industrie und Maßschneiderei kennt. Wir verarbeiten alles so, dass es möglichst schnell und einfach geändert werden kann. Bei einer Hose sieht das dann so aus, dass die einzelnen Hosenteile, Vorder- und Hinterhose jeweils ein eigenes Stück Bund bekommen und die Seiten- und Gesäßnaht, dann durch den Bund verlaufen. Das sieht von innen natürlich nicht so schön aus, aber das sieht das Publikum ja nicht und wir haben es bei späteren Änderungen viel leichter und es geht auch viel schneller. Wir müssen ja immer mit krankheitsbedingten Umbesetzungen rechnen und gerade das Ballett ist auch immer mal trainingsbedingten Figurschwankungen unterworfen.

Anders sieht das bei Jacken und Sakkos aus. Diese werden zur Anprobe fast nur geheftet und danach nochmal weitgehend auseinander genommen.

Wie laufen diese Anproben denn üblicherweise ab? Kommt es für gewöhnlich zu Änderungswünschen?

Unfug: Bei den Anproben bin ich nie dabei und so stammen meine Informationen nur aus zweiter Hand.

Bei den Anproben ist im Normalfall die Gewandmeisterin und gegebenenfalls die Vorarbeiterin oder deren Vertretung dabei, immer abhängig davon was anprobiert wird. Die Fundusleiterin ist gewöhnlich anwesend, sowie die Leiterin der Kostümabteilung, wenn anwesend der Kostümbildner und/oder dessen Assistent. Und natürlich das arme Opfer, an dem dann alle herumzupfen. [Rufus lacht]

Wie viele Personen dann tatsächlich dabei sind, ist schließlich auch stark davon abhängig, was probiert wird. Einen Statisten mit Funduskostüm fertigt, wenn alle im Stress sind, schon mal die Vertreterin der Vorarbeiterin zusammen mit der Fundusleiterin ab, während bei einer aufwendigen, extravaganten Neuanfertigung manchmal mehr Leute dabei sind als gut tut …

In den meisten Fällen arbeiten wir mit nur einer Anprobe. Die Kostümhauptprobe ist dann gleichzeitig die Endanprobe, da fallen dann immer noch einige kleine Änderungen an, die meist die Passform oder die Funktionalität betreffen. Da muss öfter mal ein geknöpfter Verschluss durch Druckknöpfe oder Klettverschluss ersetzt werden, um einen schnellen Umzug zu ermöglichen. Oder es muss irgendetwas fixiert werden, weil es beim Spielen verrutscht und ähnliches, was erst auf der Bühne auffällt …

Der größte Teil der anfallenden Änderungen nach der Anprobe betrifft dann die Passform, da gibt es fast immer eine Kleinigkeit zu ändern. Aber auch Veränderungen des Modells kommen immer wieder vor. Letztere können bisweilen echte Probleme bereiten. So hatten wir in der letzten Spielzeit das Stück „Platonow“, bei dem sich der Kostümbildner sehr hoch geschnittene Hosen und eine allgemein stark nach oben versetzte Taillien-Linie vorstellte. Obwohl die Kostüme schon entsprechend zugeschnitten waren, war es ihm dann doch noch nicht extrem genug und wir mussten ganz schön tricksen, und die Hosen oft nochmal auseinandernehmen und umschneiden, um diesen Wünschen gerecht zu werden. Nur selten haben wir dann genug Material, um solche Kostüme einfach neu zuschneiden zu können. Und es kommt dann auch mal vor, dass es einfach nicht so geht, wie gewünscht. Wenn so etwas geschieht, gibt es dann eine zweite Anprobe. Denn wenn zu viel verändert und abgesteckt wird, lässt sich nicht mehr alles berücksichtigen und es wird schwer, sich das Endergebnis vorzustellen Das sind jedoch eher die Ausnahmen.

Aber auch da kann man keine generellen Aussagen treffen. Einige Kostümbildner haben sehr klare Vorstellungen, was sie wollen und können das auch sehr gut kommunizieren. Das ist für uns natürlich ein leichtes Arbeiten. Andere haben immer wieder neue Ideen und entwickeln die Kostüme noch während wir schon daran arbeiten. Das kann dann schon mal sehr anstrengend und auch frustrierend sein. Zumal es durchaus vorkommt, dass ein Kostüm, in das man viele Stunden Arbeitszeit investiert hat, dann letztlich nie auf die Bühne kommt, weil es entweder dem Kostümbildner dann doch nicht gefällt oder der Regisseur die Inszenierung verändert.

 

Es ist wirklich schade, wenn man gefühlt umsonst so viel Energie in ein Kostüm gesteckt hat. Arbeitet ihr denn auch manchmal im Team oder bekommt jeder „seine“ Kostüm zugewiesen?

Unfug: Gewöhnlich bekommt jeder sein Stück, das er von Anfang bis Ende selbst verarbeitet. Aber auch hier gibt es Ausnahmen. Wenn z.B. ganze Serien gleicher Kostüme, wie ein ganzer Chorsatz Uniformen, angefertigt werden muss, werden einzelne Teile, wie Epauletten, Taschenpatten und Ärmelaufschläge oder anderer Ausputz von einer Person für alle Kostüme vorbereitet. Es geht zum einen schneller wenn diese Teile in Serie hergestellt werden können, weil sich so eine Routine einstellen kann. Außerdem ist dabei gewährleistet, dass eine einheitliche Optik entsteht. In anderen Fällen ist manchmal es einfach notwendig, das man eine begonnene Arbeit abgibt oder übernimmt, weil die Realität nicht mit der ursprünglichen Planung übereinstimmt. Das kann an einer Erkrankung liegen, oder ein Kostüm das unerwartet Probleme macht und mehr Zeit beansprucht. Letztendlich muss das Kostüm zur Premiere fertig sein, wer es näht ist dann egal.

 

Wie lange habt ihr dann generell Zeit für die Umsetzung der Schnittmuster?

Unfug: Mit der Erstellung der Schnitte habe ich als Geselle nichts zu tun, das ist reine Meisterarbeit. Was das Zeitfenster betrifft, weiß ich aber es ist sehr unterschiedlich und hängt immer davon ab, wie lange vor der ersten Kostümhauptprobe (wenn die Darsteller zum ersten mal mit Originalkostümen proben) die Kostümabgabe (wenn der Kostümbildner seine Entwürfe vorlegt) stattfindet. Grundsätzlich erstellt unsere Gewandmeisterin aber die Schnitte so früh wie möglich, man weiß ja nie, was womöglich dazwischen kommt.

 

Wie organsiert ihr die Stoffe? Gibt es ein Lager oder kauft ihr die speziell für die Kostüme ein?

Unfug: Auch da bin ich nicht involviert. Wir habe ein Stofflager, aber dass sich dort gerade der passende Stoff befindet, ist eher selten. Dort sind, soweit ich weiß, denn hier haben nur die Meister zutritt, neben Standardstoffen, die immer gebraucht werden, wie Futterstoffe, Stoffe für klassische Abendgarderobe u.ä. hauptsächlich Reste früherer Produktionen oder Spenden/Geschenke eingelagert, die das Theater auch immer wieder mal erhält. Einen Großteil unserer Stoffe beziehen wir von der in der Region ansässigen Firma Fucotex. Manche Stoffe bringen die Kostümbildner mit. Darüber hinaus weiß ich nicht Bescheid, wie das ganze abläuft.

 

Weißt du Näheres zur Budgetplanung für die Schneiderei? Seid ihr dabeteiligt oder wird einfach ein Plan vorgelegt?

Unfug: Dazu kann ich nur sagen das der Kostümbildner für das jeweilige Stück ein bestimmtes Budget zur Verfügung hat. Aber wie hoch das ist und wie es zustande kommt weiß ich nicht.

 

Hand aufs Herz: Warum werden die meisten Kostüme nicht einfach fertig gekauft, sondern aufwendig im eigenen Haus hergestellt?

Unfug: Oh, es werden schätzungsweise ein Drittel bis die Hälfte der Kostüme gekauft. Wenn es sich um normale Kleidung handelt, die man überall zu kaufen bekommt, wäre es einfach unrentabel, dies alles selbst zu nähen. Dafür hätten wir überhaupt nicht das Personal. Selbst nähen müssen wir einerseits alles Historische und Extravagante. Sowie normale Kleidung, wenn ganz bestimmte Stoffe gewünscht werden die außergewöhnlich oder auch nur im Moment einfach nicht modern und somit nicht erhältlich sind. Ein schönes Beispiel hierfür war das Stück „Verrücktes Blut“. Die SchauspielerInnen trugen normale jugendlich, sportliche Kleidung, Shirts, Jogginghosen usw. Diese sollten jedoch aus glänzendem Material sein, was dafür sorgte, dass wir alles anfertigen mussten und sogar die Sneakers mit entsprechendem Stoff bezogen wurden.

Und daneben gibt es natürlich noch die sogenannten Problemfiguren. Die kleinen Dicken und großen Dünnen, die besonders Aufrechten usw. die einfach nicht richtig in die Konfektion passen. Da ist es häufig sinnvoller eine Maßanfertigung zu machen, als an einem fertigen Teil herumzuändern, zumal die Konfektion meist nicht gerade änderungsfreundlich arbeitet.

Manche Kostüme, wie jene für die Tänzer, erfordern auch eine spezielle Schnitt-Technik, um die benötigte Beweglichkeit zu gewährleisten. Auch die Stoffe sollten beim Ballett möglichst elastisch sein, vor allem weil dort häufig sehr figurbetont gearbeitet wird. Beim Ballett ist es also eine Frage von Funktionalität und Haltbarkeit, weshalb die meisten Kostüme angefertigt werden – die Sachen müssen ganz schön was aushalten!

 

Welches Kostüm war bisher größte Herausforderung für dich als Theaterschneider? Und welches Kostüm liegt dir besonders am Herzen?

Unfug: Was die größte Herausforderung war, kann ich gar nicht sagen. Denn ich werde immer wieder mit anderen Herausforderungen konfrontiert. Manches fordert einen durch das Material heraus, das besondere Vorsicht oder Feingefühl verlangt, oder es ist so widerspenstig, dass die Verarbeitung zum Kraftakt wird. Manchmal bekomme ich Teile auf den Tisch, da gibt es keine Standards wie man das macht und man muss dann erst mal eine Verarbeitungstechnik erfinden, um das Problem zu lösen. Aber es sind dann oft die Kostüme mit denen man am härtesten gekämpft hat, auf die man dann zuletzt am stolzesten ist. Wenn das Teil dann auf der Bühne toll aussieht, freut man sich und kann dem Kostümbildner verzeihen, auch wenn man ihm während der Arbeit tausendmal verflucht hat, wegen seiner blöden Ideen. [Rufus grinst augenzwinkernd]

Ein Garant für solche Kostüme ist der Kostümbildner Andy Besuch. Ich habe bislang an zwei Stücken mitgearbeitet, die er ausgestattet hat, und es war jedes Mal viel Arbeit, ungewöhnliche Arbeit, viel hin und her und blanke Nerven. Aber was dann zum Schluss auf der Bühne stand, hat mich dann für alles entschädigt.

Das erste Stück war „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ von Bertolt Brecht. Es war sehr plakativ inszeniert und optisch stark an Comics angelehnt. So waren die Requisiten dann auch nur zweidimensional, auf dicker, weißer Wellpappe mit groben schwarzen Pinselstrichen aufgemalt und ausgeschnitten. Dafür gab es drei sehr unterschiedliche Kostümtypen. Da waren die Neopren-Kostüme in kräftigen Farben, die auch möglichst zweidimensional gestaltet waren und ein wenig an die Kleidung dieser Papierankleidepuppen erinnerten. Mit diesen Laschen zum umklappen, kennst Du die noch? [Ich nicke zustimmend und muss ebenfalls grinsen – in Erinnerungen schwelgend]. Diese waren recht einfach zu machen, nur etwas unhandlich, weil wir lange Mäntel daraus machten und das Material recht steif ist. Die Konturen wurden dann auch mit groben Pinselstrichen nachgezogen.

Dann gab es die „Muskelmänner“, hautenge Catsuits auf die aus Schaumstoff und Watteline plastische Muskelpakete aufgebaut wurden. Dann kam ein zweites, weißes Catsuit, als „Haut“ darüber. Damit dieses sich jedoch auch richtig an die Konturen der Muskeln anpasste, mussten wir diese von Hand durchnähen und so den Stoff in die Vertiefungen zwischen den Muskeln ziehen. Da der Anzug möglichst keine Falten werfen sollte, war er entsprechend eng, was die Verarbeitung sehr anstrengend machte. Die ganzen Arbeiten wurden gemacht, während der Anzug auf einer Schaufensterfigur aufgezogen war. Man musste also abwechselnd in stehen, sitzen oder knien arbeiten, und ständig um diesen Mann herumturnen, um eine praktikable Arbeitsposition zu finden.

Die ausgefallensten Kostüme in diesem Stück waren jedoch die „Fetties“, welche unsere Schauspieler auf Sumoringerformat bringen sollten. Normalerweise wird größere Körperfülle dadurch erreicht, dass auf einen enganliegenden Unterbau die „Fettschicht“ aus Watte oder ähnlichem aufgebaut wird. Um jedoch eine solche Leibesfülle zu erreichen, wie sie hier erwünscht war, wären riesige Mengen an Material nötig gewesen, was zu schwer, zu warm und zu unbeweglich geworden wäre. Um dieses Problem zu lösen, gibt es auch sogenannte AirSuits, die nur aus einer dünnen Stoffhülle bestehen und dann aufgeblasen werden. Diese benötigen jedoch eine Gebläse, welches sie permanent aufbläst, was auch nicht praktikabel war.

Unsere Lösung war dann ein Zwischending. Wir fertigten einen weiten Anzug, der als Grundgerüst dienen sollte. Da wir diesen nicht aufblasen konnten, wurde das ganze mit Reifen und Stäbchen aufgespannt, ähnlich wie bei einem Reifrock. So hatten wir ballonartige Ganzkörperanzüge, auf die dann aus Watte Fettpolster modelliert wurden, um dem ganzen eine möglichst natürliche Ausformung zu geben. Danach wurden die aufwattierten Fetties noch mit einer Haut aus Baumwolljersey überzogen der möglichst faltenfrei und ohne sichtbare Nähte angebracht werden sollte. Denn diese Fetties waren nicht dazu gedacht, unter dem eigentlichen Kostüm zu verschwinden wie das sonst meist der Fall ist. Nein, diese Schönheiten sollten in Unterwäsche auf die Bühne! entsprechend musste auch hier der Oberstoff sorgfältig in jede „Fettfalte“ hineingearbeitet werden, ähnlich wie das schon bei den Muskelmännern der Fall war. Nachdem dies erledigt war, wurden auch hier die Konturen nochmal mit schwarzen Pinselstrichen betont, ehe wir dann die sehr spärliche Bekleidung auf den Fetties anbrachten, welche dann auch noch bemalt wurde.

Neben der Näharbeit, fiel hier auch noch einiges an Schlepperei an, denn nicht alle Arbeitsgänge wurden von uns durchgeführt. Und so musste jeder Unterbau für die Ausgestaltung mit Schaumstoff und Watte in eine andere Werkstatt geschafft werden, wo er dann bearbeitet wurde. Diese befand sich in einen anderen Gebäude auf der anderen Straßenseite! Danach zurück in die Schneiderei, dann auf die Probebühne, wo sich der Kostümbildner zusammen mit einem Comic-Künstler der Bemalung widmete. Und zurück in die Schneiderei zum anziehen, wieder zum bemalen und dann nochmal zu uns für ein paar Korrekturen. Ich glaube, es dürfte wenige Kostüme geben die schon vor der Premiere soviel transportiert wurden. Während der gesamten Arbeiten an diesen Fetties waren wir alle ausgesprochen skeptisch, weil „schön“ waren diese Dinger ganz sicher nicht, und ob das beim Publikum ankäme, erschien uns doch zunächst sehr fraglich. Entsprechend groß war dann natürlich die Neugier, diese seltsamen Kostüme auf der Bühne und in Aktion zu sehen. Danach waren jedoch alle restlos begeistert, denn die Wirkung war einfach phänomenal!

Besonders im Gedächtnis geblieben sind mir aber auch die Knopfgürtel aus der Nummer „Peekaboo“, des dreiteiligen Ballettabends „Dans Impulse“. Da haben wir leichte Gummi-Nierengurte über und über mit schwarzen und anthrazitfarbenen Knöpfen in den verschiedensten Größen benäht. Diese wurden dann natürlich verkehrt herum, also mit dem Verschluss nach hinten, quasi als Kummerbund getragen. Sah klasse aus, aber die Teile waren unglaublich schwer. Ursprünglich sollte es auch noch dazu passende Melonen geben, diese fielen dann aber weg, vermutlich wegen des Gewichts das beim Tanzen auf dem Kopf, bzw. in der Hand schlecht zu händeln ist.

Manchmal sind es jedoch ganz schlichte Kleidungsstücke, die einen vor besondere Herausforderungen stellen. Ich hatte ein mal ein einfaches weißes Sakko zu machen, die Schwierigkeit bestand darin, dass es über einem dunklen Hemd getragen werden sollte und deshalb undurchsichtig sein sollte. Durch weiße Stoffe sieht man ja bekanntlich alles durch, und wenn sich bei einem Sakko dann alle Nähte, Taschenbeutel usw. abzeichnen sieht das gelinde gesagt besch*** aus. Also musste ich den gesamten Stoff dublieren, also mit einer zweiten Stofflage unterlegen, außerdem wurde der Futterstoff mit dünner Klebeeinlage verstärkt – und selbst das konnte ein Durchschimmern des dunklen Untergrunds nicht gänzlich verhindern …

Etwas besonderes waren auch die Kostüme für unsere aktuelle Faust-Inszenierung.

 

Ich bin wirklich beeindruckt. Da habt ihr ja wirklich ganz außergewöhnliche Kostüme auf die Bühne gebracht! Ich weiß von einigen anderen Theaterhäusern, dass die Kostüme, die nach bestimmten Inszenierungen nicht mehr gebraucht werden, aufgrund von Platzmangel i.d.R. für einen guten Zweck abgegeben oder sogar versteigert werden. Wie handhabt ihr das in Augsburg?

Unfug: Unser Haus pflegt einen ausgedehnten Fundus in dem die meisten noch brauchbaren Kostüme zunächst einmal eingelagert werden. Es finden aber auch immer wieder mal Kostümverkäufe statt, bei denen jedermann die aussortierten Stücke erwerben kann. Anlässlich unseres Umzugs in unser Übergangsquartier während der Sanierungsarbeiten am Ende der letzten Spielzeit, wurde allerdings auch etliches entsorgt. Dieser große Fundus braucht zwar viel Platz (nur ein Teil ist im Haus untergebracht, der Rest lagert außerhalb in einer angemieteten Halle, den tatsächlichen Umfang kenne ich nicht) und Pflege, aber wir haben dadurch auch einen großen Schatz an Kostümen, auf die wir immer wieder zurückgreifen können. So können manche Produktionen kostengünstig komplett aus dem Fundus bestückt werden. Das bietet die Möglichkeit, auch bei einmaligen Veranstaltungen, wie dem Opernball, dem Publikum sehr ausgefallene und aufwendige Kostüme zu zeigen. Und auch wenn mal auf die schnelle eine Ersatzbesetzung eingekleidet werden muss, die völlig andere Maße wie die Originalbesetzung aufweist, findet sich meist ein akzeptables Kostüm.

Wir teilen diesen Schatz aber auch mit anderen Häusern, es werden immer wieder Kostüme verliehen oder verkauft.

Lieber Rufus, vielen Dank an dieser Stelle für dieses Interview und den sehr ausführlichen Eindruck deiner Arbeit als Theaterschneider. Ich hoffe, dass Ihr auch in Zukunft in der Lage sein werdet, solch beeindruckende Arbeit zu leisten und nicht den derzeit häufig ertönenden Rufen nach Budgetkürzungen im Kulturbereich zum Opfer fallt. Weiterhin viel Erfolg – ich werde gespannt die kommenden Inszenierungen im Auge behalten!

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