Im Osten nichts Neues

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(Beitragsbilder „Im Osten nichts Neues“: (c) Uwe Lewandowski – mit freundlicher Genehmigung vom Theater Osnabrück)

 

Osnabrück. Im Osten nichts Neues – Ein Stück deutsche Geschichte und Appell an die Menschlichkeit

2014, der Mauerfall jährt sich zum 25. Mal. Vieles hat sich seitdem in Deutschland verändert, viele Erwartungen wurden aber auch enttäuscht. Der anfänglichen Euphorie über das Verschwinden der Grenze zwischen DDR und BRD ist einer wesentlich nüchternen Betrachtungsweise gewichen. Ist Deutschland tatsächlich wiedervereint?

Eine Frage, die sich sicherlich nicht so einfach beantworten lässt. Keinesfalls gibt es eine eindeutige Antwort, denn es herrschen heute wie damals unterschiedlichste Lebensrealitäten vor. Zudem hat jede Person, die die 80er Jahre und die Zeit danach bewusst miterlebt hat, eigene Erinnerungen und Erfahrungen gesammelt. Der Mauerfall hat in beiden Teilen Deutschlands Hoffnung geweckt auf eine aussichtsreiche Zukunft in Freiheit und Selbstbestimmtheit. Für viele mag sich dieser Traum erfüllt haben, andere finden sich eher desillusioniert wieder.

 

„Ich habe nach Freiheit gesucht, doch die Suche geht weiter.“

 

Der Tag, an dem Geschichte geschrieben wurde

Ich selbst bin erst vier Jahre alt gewesen, als die Menschen vor der Prager Botschaft aufgrund eines Missverständnisses ihre Ausreiseerlaubnis erhielten, in Berlin die Mauer erklettert wurde und Menschenmassen durch die kurzerhand geöffneten Grenzübergänge strömten. Das sozialistische System brach zusammen und mit ihm das bestehende Gesellschaftssystem. Ich bin zu jung gewesen, um zu verstehen, was da gerade vor sich ging, doch ich kann mich gut an die Situation im Wohnzimmer meiner Eltern erinnern: Im Fernseher liefen die Bilder der Live-Übertragung – Menschen lagen sich in den Armen, feierten und es flossen Freudentränen. Mir war bewusst, dass gerade etwas ganz Besonderes geschah. Die Sprachlosigkeit meiner anwesenden Eltern und Großeltern bestätigte dieses Gefühl. Man meint es kaum, doch ein historischer Moment mit enormer Tragweite sollte so zu einer meiner ersten bewussten Erinnerungen werden. Am 09. November 1989 veränderte sich die Welt.

 

Liederabend mit Hymnen des Mauerfalls

Unter der musikalischen Leitung von Jan S. Beyer und Jörg Wockenfuß durften einige fiktive Personen ihre eigene Geschichte erzählen. Im Rahmen des sogenannten Liederabends berichteten sie szenisch dargestellt aus ihrem Leben und stimmten entsprechende Hymnen der Wendezeit an, die noch heute nachklingen. Peter Helling, der sich für die Dramaturgie verantwortlich zeichnete, hat in Zusammenarbeit mit Dominik Günther einen ganz besonderen Theaterabend inszeniert, der die persönlichen Umstände zur Zeit des Mauerfalls in Erinnerung ruft. Die ausgewählte Musik fügt sich perfekt in die Darstellung der persönlichen Situation durch die Schauspieler ein und transportiert auf eine sehr bewegende und mitreißende Weise gelebte Geschichte. Songs wie „Wind of Change“ und „Looking for Freedom“ verbreiteten ausgelassene Stimmung im Zuschauerraum. Ganz untypisch wurde mitgesummt und kein Bein blieb still angesichts der großartigen gesanglichen Leistung des Ensembles.

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Einige Menschen versammeln sich wartender Weise am Osnabrücker Hauptbahnhof. Da der ICE nach Ostberlin namens Christian Wulff erwartungsgemäß auf sich warten lässt und schließlich wegen mehrfacher Gleisänderungen Chaos unter den Reisenden ausbricht, kommt man ins Gespräch in Hinblick auf das gemeinsame Reiseziel. Der DB-Schaffner (Stefan Haschke), der schon als Zugbegleiter in der DDR gelegentlich einen Blick auf die idealisierte „Freiheit“  – Westernhagen wird angestimmt – im Westen erhaschen durfte, vermag das Chaos nicht unter Kontrolle zu bringen.

Unterschiedlichste Personen treffen am Bahnsteig aufeinander: Darunter befinden sich u.a. ein ehemaliger Grenzsoldat und derzeitiger Hartz-IV-Empfänger (Marcus Hering), eine junge Frau, eine Zwangsadoptierte (Marie Bauer), auf der Suche nach Antworten bezüglich ihrer Familiengeschichte und eine ältere Dame, deren Ziel nach dem Mauerfall einfach nur „möglichst weit weg“ war.

 

Gewinner …

Im Zug nach Osnabrück traf sie dann, wie der gleichnamige Song bereits andeutet, „das ganz große Glück“ – und beschloss zu bleiben. Rosemarie Fischer legt an dieser Stelle eine großartige Nummer aufs Parkett. Gerade noch eher unscheinbar und unbeteiligt an den Gesprächen ihrer Mitwartenden, beginnt sie wehmütig von ihrem Drang nach Freiheit zu berichten und verwandelt sich mit nur wenigen Handgriffen in eine schillernde Persönlichkeit mit roter Lockenmähne und golden glänzendem Bühnenoutfit. Von den imaginären Fesseln, von denen sie gerade noch sprach, ist nichts mehr zu sehen. Sie hat ihren persönlichen Weg zu „blühenden Landschaften“ gefunden.

 

… und Verlierer

Ganz anders verhält es sich für den Musiker (Oliver Meskendahl) einer einstmals erfolgreichen Westberliner Band, dem der Durchbruch national und international einfach nicht gelingen mag. Ob Verliererin oder Gewinnerin, lässt sich im Falle der Ex-Prostituierten (Florentine Weihe) nicht genau sagen. Nachdem sich ihre Situation im Zuge der akuten Landflucht zunehmend verschlechtert hat, lernt sie schließlich einen Immobilienhai (Martin Schwartengräber) kennen, der seinen Gewinn aus der wirtschaftlichen Not anderer zieht.

 

Schwelgen in Erinnerungen

Die Geschichten und Lebenssituationen der unterschiedlichen Personen spiegeln hervorragend Zeitgeist und Lebensgefühl wieder. Nicht zuletzt kommen sogar nostalgische Gefühle auf. Verbunden mit Heiterkeit und einem Schwelgen in Erinnerungen einerseits stimmen einige Passagen andererseits jedoch eher nachdenklich. Die Menschen sind über Monate im Zuge der Friedensgebete und Montagsdemonstrationen auf die Straße gegangen, um für ihre Freiheit einzustehen. „Freiheit ist die einzige, die fehlt. Freiheit ist das einzige, was zählt …!“ klingt es nach. Ungeahnte Perspektiven haben sich ergeben, aber es gibt eben nicht nur Gewinner des politischen Umbruchs.

 

Geschichte darf nicht in Vergessenheit geraten

Martin Schwartengräber beschließt diese Inszenierung mit einer Art Plädoyer, das Bezug nimmt auf die aktuelle politische Situation und meiner Meinung nach den Abend perfekt abrundet – Chapeau!

 

„Viele von Ihnen wären heute Abend nicht hier, wenn nicht vor 25 Jahren eine Mauer gefallen wäre. Deshalb lassen Sie uns weiterhin Mauern in unseren Köpfen du in unseren Herzen überwinden – unsere Nationalität ist Mensch!“

 

(Uraufführung: 15.05.2015)

 

Rosemarie Fischer durfte in ihrer Rolle ein letztes Mal glänzen. Sie verstarb am 2. November 2015 unerwartet und hinterlässt eine Lücke, sowohl bei ihren Kollegen als auch beim Osnabrücker Publikum. Das Stück „Im Osten nichts Neues“ ist ihr gewidmet worden.

 

 

Mitwirkende:

Inszenierung: Dominik Günther

Musikalische Leitung: Jan-S. Beyer, Jörg Wockenfuß

Bühne/Kostüm: Sandra Fox

Dramaturgie: Peter Helling, Elisabeth Zimmermann

Immobilienhai: Martin Schwartengräber

Hartz-IV-Empfänger: Marcus Hering

Schaffner: Stefan Haschke

Ex-Prostituierte: Florentine Weihe

Westberliner: Oliver Meskendahl

Zwangsadoptierte: Marie Bauuer

Mauerbauzeugin: Rosemarie Fischer

 

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