Spieltriebe 6 – Theaterfestival

routen_spieltriebe

Osnabrück. Spieltriebe 6 – „Das Unmögliche geschieht“

 

Das Festival für zeitgenössisches Theater läutete den Beginn der Spielzeit 2015/2016 ein und entführte das Publikum an ungewöhnliche Spielorte, allesamt in der Stadt verteilt, um dort dem Erleben des Theaters als Kunstform einen andersartigen Raum zu bieten. Bereits zum sechsten Mal wurde „Spieltriebe“ gemeinsam von allen Beschäftigten des Osnabrücker Theaters erarbeitet. An drei aufeinander folgenden Tagen erlebten die Besucher entlang vorgefertigter Routen mehrere Erstaufführungen hintereinander, die Teil des aktuellen Spielplans werden sollten. Insgesamt wurden 13 Produktionen gezeigt, die sich mit dem Thema „Umbruchserfahrungen“ auseinandersetzen. Man versuchte sich an der Erzählung des Undenkbaren, da der Zeitgeist im Jahre 2015 als äußerst fragil empfunden wird: Aufkeimende Ängste durch akute Bedrohungen wie Terror und Krisen verschiedenster Art und die Angst vor Statusverlust u.ä. werfen tagtäglich die Frage auf, wie wir diesen Phänomenen begegnen sollen, ohne eine Eskalation befürchten zu müssen. Während sich ein Teil unserer Bevölkerung an Altes und Vertrautes klammert, gibt ein anderer Teil einer Willkommenskultur eine Chance und steht neuen Erfahrungen und fremden Kulturen offen und positiv gegenüber, um das hier verborgene Potenzial zu fokussieren. Ein stets gewichtiger Teil der Theaterarbeit in der Friedensstadt Osnabrück ist die Beschäftigung und Verortung in Hinblick auf diese gesellschaftlichen Konflikte und Herausforderungen unserer Zeit. Das Theater positioniert sich hier klar als inhaltlicher Wegweiser, hält der Gesellschaft den Spiegel vor und fordert so aktiv zum Mitdenken und selbstbestimmten Handeln auf. Die verschiedenen Inszenierungen für Spieltriebe boten also den idealen Einstieg in die neue Spielzeit – und dafür haben sich alle Beteiligten einiges einfallen lassen.

Begleitet durch einen Routenpaten begaben sich die Zuschauer auf eine Reise zu den verschiedenen Spielorten, teils zu Fuß, teils mit dem Bus. Gemeinsam begannen alle Routen mit dem Stück „paradies fluten“ von Thomas Kocks im Theater am Domhof, bevor sich die Gruppen auf die fünf Routen aufteilten. Betitelt waren diese mit Zitaten aus „paradies fluten“, wodurch jede Route für sich genommen unter einem eigenen Motto stand. Ich hatte mich für die „pinke Route“ entschieden, die den Titel „Freiheit so schön elastisch“ trug.

Für das erste Stück, dem „Dschihad-Express“ liefen wir einmal durch die Innenstadt, um auf der Ladenfläche eines leerstehenden Kaufhauses zu ergründen, was junge Menschen dazu bewegt, sich dem IS anzuschließen. Eindrucksvoll wurde gezeigt, was der Wunsch nach Zugehörigkeit, Respekt und Akzeptanz mit einem jungen Mann macht, der sich hierfür bereitwillig einer abstrusen Ideologie hingibt. Beklemmend und höchst aktuell. Etwas heiterer wurde der Besuch der nächsten Station, dem Innenhof eines Geschäftshauses, in dem sich Ateliers, Agenturen u.ä. befinden. Die zahlreichen Balkone dienten den Zuschauern hier als Empore, um einem „Projekt über das Denken des Unmöglichen und die Heilung von allem und jedem“ zu folgen. Das Stück „Wunder gibt es immer wieder“ führte uns die manchmal utopisch wirkenden Versprechungen moderner Forschung vor Augen und gab auch in diesem Kontext einige Denkanstöße mit auf den Weg. Zeit für einen Austausch mit anderen Theaterbegeisterten stand direkt im Anschluss hieran im Rahmen einer kleinen Pause zur Verfügung. Bevor die Pilgerreise, die Suche nach Erkenntnis, in Richtung Hafen fortgesetzt wurde, konnte man sich bei Snacks und einem Glas Wein oder Bier stärken. Angekommen in einem alten Speicher erwartete uns eine Zusammenstellung einiger Szenen aus verschiedenen Opern, sozusagen einem Medley, die den bedeutungsschwangeren Arbeitstitel „Die Liebe in Zeiten ökonomischer Fremdbestimmung“ trug. Es wurden einige Stücke aus verschiedenen Opern unter Begleitung eines minimalistisch gehaltenen Symphonieorchesters vorgetragen, deren Akustik perfekt auf die doch sehr beengten Räumlichkeiten abgepasst waren. Die Atmosphäre wirkte hier also gleich auf zweierlei Weise dicht.

Anschließend brachte uns der Bus zurück zum Theater, wo alle Routen wieder zusammengeführt wurden, um gemeinsam mit allen Gästen das Finale des Abends im Theaterfoyer zu erleben. Für das „postdemokratisches finale im flexibilisierten gummidschungel“ wurden Tanzszenen aus dem Eingangsstück „paradies fluten“ mit einem skurrilen Erscheinen von zwei Astronauten vermengt, die sich im Angesicht der Apokalypse veranlasst sahen, einen letzten moralischen Appell an die Menschheit zu richten, bevor diese sich selbst zwerstören würde. Dem gelungenen Festivalabend wurde so ein runder Abschluss verpasst, der alle Besucher zufrieden, und vielleicht der (Selbst)Erkenntnis ein Stück näher, entließ.

(Veranstaltungsdatum: 12. September 2015)

 

Nähere Informationen zu Besetzung, Dramaturgie etc. findet ihr unter dem Veranstaltungslink: http://www.spieltriebe-osnabrueck.de/

Bildrechte für diesen Beitrag: Städtische Bühnen Osnabrück gGmbH

Ein Gedanke zu „;Spieltriebe 6 – Theaterfestival

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *