Stadtprojekt Nathan in Osnabrück

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Osnabrück. Nathan und der Appell an Toleranz und Menschlichkeit – Das Stadtprojekt Nathan

Bereits letztes Jahr widmete sich das Osnabrücker Theater einem Stadtprojekt und setzte den Fokus auf Veranstaltungen rund um den berühmten Literaten Erich-Maria Remarque – bekennender Pazifist und Antikriegsromancier, sowie einer der wichtigsten Söhne der Stadt und Lebemann mit zahlreichen Affären mit nicht minder bekannten Damen, darunter Marlene Dietrich und Greta Garbo. Nicht nur die klassischen Theaterinszenierungen brachten die Stücke des Autors auf die Bühne, zudem gab es außerordentliche szenische Lesungen an Originalschauplätzen und weitere Veranstaltungen, die einen Einblick in Arbeit und Leben Remarques ermöglichten.

Stadtprojekt Nathan steht ebenfalls in der friedensstiftenden Tradition der Stadt

Mit der Spielzeit 2016/17 startet nun das aktuelle Stadtprojekt Nathan. Die Lektüre von Lessings berühmtesten Werk „Nathan der Weise“, das als einer der eindringlichsten Aufrufe zu Toleranz und Menschlichkeit gilt, zeigt auch heute – über 200 Jahre nach seiner Entstehung – dass dieser Appell bedrückender Weise absolut nichts an Aktualität und Brisanz verloren hat. So ist es nicht verwunderlich, dass gerade in Osnabrück, das sich das Attribut „Friedensstadt“ sprichwörtlich auf die Fahne schreibt – und diese Bezeichnung im Übrigen tatsächlich auf den Ortseingangsschildern prangen hat -, ganz im Sinne einer langjährigen Tradition auch das neue Projekt dem Stiften des Friedensgedankens widmet.

Lessings Werk wird uns also in den kommenden Monaten auf vielfältige Weise begegnen und das kulturelle Leben vor Ort bereichern. Neben einem sicherlich ordentlichen Unterhaltungsfaktor soll hier aber eine Gesellschaftskritik im Vordergrund stehen, die essentielle Fragen zur Gestaltung eines Miteinanders aufwirft, die gelingen kann und soll. So stellt sich das Theater selbst folgende Fragen als Arbeitshypothesen, um der Thematik zu begegnen: „Was ist aus den Idealen der Aufklärung geworden? Ist Vernunft, ist Toleranz gegenüber Andersdenkenden und -gläubigen immer noch eine ferne Utopie?“

Kreative Ansätze und Innovationen im Kultursektor

Der Spielplan lässt einiges erwarten und zeigt erneut, dass es das Osnabrücker Ensemble versteht, pointiert und einfühlsam auf sensible Themen einzugehen, ohne das Publikum allzu sehr vor den Kopf zu stoßen. Neben der obligatorischen Bühnenadaption von „Nathan der Weise“ steht beispielsweise das Stück „Ernst und Falk“ auf der Liste. Ein Stück, das den Untertitel „Gespräche für Freimaurer“ seitens der für die Inszenierung Verantwortlichen in Osnabrück verpasst bekommen hat und bereits auf eine Besonderheit in der Gestaltung, tatsächlich einem absoluten Novum, hinweist: Ernst und Falk werden von den beiden Schauspielern Stefan Haschke und Janosch Schulte – beide trotz ihres jungen Alters Charakterdarsteller par excellence – dargestellt und in den Räumlichkeiten der Freimaurerloge „Zum Goldenen Rade“ im Osnabrücker Lortzinghaus dem Publikum präsentiert.

Lessings Vision von einem selbstbestimmten Leben und der Kunst des freien Denkens in einer aufgeklärten Gesellschaft wird also genau der „Raum“ gegeben, den er als zweckdienlich und revolutionär zum Gelingen empfand: Die Freimaurerei. Ich werde mir das Stück demnächst ansehen und bin schon sehr gespannt auf die Umsetzung dieses Projektparts in den Räumlichkeiten der Loge.

Grenzüberschreitung und Selbstbefragung

Das Stadtprojekt Nathan schlägt diesmal klar den Bogen vom Literaturtheater zur eigentliche Literatur und gestaltet es so zu einem komplexen und innovativen Kulturprojekt. Jungen Schreibinteressierten zwischen 16 du 24 wird die Möglichkeit geboten, in einer Schreibwerkstatt unter dem Motto „Grenzen.Los.Schreiben“ den substanziellen Fragestellungen Lessings nachzugehen. Der Workshop wird von den Dramaturgen Jens Peters (seit dieser Spielzeit neuer leitender Schauspieldramaturg am Theater Osnabrück) und Milena Kowalski begleitet und findet im Rahmen von fünf Blöcken in der Stadtbibliothek Osnabrück statt. Ein kreativer Ansatz, um die Grenzen des Schreibens und Denkens zu erkunden und zu überwinden und – ebenso wie das gesamte Stadtprojekt – eine persönliche Bereicherung und Option der Selbstbefragung für jeden Teilnehmenden.

 

Literaturhinweis: Monika Fick: Lessing-Handbuch: Leben – Werk – Wirkung, J.B. Metzler, 4. Auflage 2016; ISBN-13: 978-3476025777; 24,95 Euro

 

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