Hamdouns „The Trip“

Ruine

Osnabrück. Hamdouns „The Trip“ oder: Unpathetische Betroffenheit

 

Die Anfänge

Der syrische Theaterregisseur Anis Hamdoun und seine Frau Zainab Alsawah sind vor zwei Jahren aus ihrer Heimat Homs nach Deutschland geflüchtet. In Osnabrück angekommen sind die beiden sehr proaktiv an ihre schicksalsgebeutelte Geschichte herangegangen und haben erfolgreich den Versuch gestartet, sich in Deutschland ein neues Heim zu schaffen. Dass das nicht ohne weiteres möglich ist, sollte jedem, der aufmerksam die Nachrichten und die Debatten um die „Flüchtlingsproblematik“ verfolgt, bewusst sein. Die Syrer, die ihr Land verlassen, tun dies nicht, weil sie das Abenteuer in der Ferne suchen. Tatsache ist, dass sie gezwungen sind, vor tagtäglichen Bombardierungen und Milizanschlägen in die Fremde zu fliehen, da sie um ihr Leben fürchten.

Hamdoun und Alswah engagieren sich in Osnabrück für andere ankommende Flüchtlinge und haben Fuß gefasst. Alswah, die als Übersetzerin und Dolmetscherin arbeitet, beherrscht die Sprache hervorragend, Hamdoun lernt zwar noch Deutsch, spricht es aber angesichts der kurzen Zeit, die er hier ist, bereits sehr gut. Um auch beruflich wieder auf die Beine zu kommen, hat er sich kurzerhand zu einem Praktikum am Osnabrücker Theater entschlossen. Der erfahrene Regisseur hat zügig unter Beweis gestellt, dass er qualitativ gesehen einiges zu bieten hat und hat so die Chance erhalten, seine Geschichte in einem Stück vorzustellen, welches Uraufführung beim letzten Theaterfestival Spieltriebe 6 gehabt hat. Hamdouns Thema fügte sich geradezu perfekt in das Motto des Festivals für zeitgenössisches Theater ein: Umbruchserfahrungen, Umgang mit Fremde und das „Bewahren-Wollen“ vereinten sich unter dem Titel „Das Unmögliche geschieht“.

Überraschender Erfolg

Ganz überraschend ist „The Trip“, das ausgeklügelte Werk Hamdouns, ein durchschlagender Erfolg geworden und wurde für das „Virtuelle Theatertreffen“, dem Kritikerpreis des Online-Theaterportals Nachtkritik, nominiert. Eine große Ehre für Hamdouns Bühnen-Erstling auf deutschem Boden. Mit großem Abstand der Stimmen zum Zweitplatzierten ist des Unmögliche dann tatsächlich geschehen: Im Januar ist der Sieger gekürt worden: „The Trip“ hat auf ganzer Linie überzeugt und sich gegen 46 (!) andere nominierte Inszenierungen durchgesetzt! In der Begründung der Nominierung hat Kai Bremer von Nachtkritik geschrieben, dass die Inszenierung „eine Bildsprache“ zeigt, „die nie Einfühlung in die Figuren verspricht und gleichwohl alles andere als emotionslos ist“.

Die verarbeiteten Inhalte

Hamdoun hat ein nur 40minütiges Bühnenstück geschrieben, das so manches mehr zu transportieren weiß, als viele länger angelegte Inszenierungen. Er beschreibt nicht seine eigene Situation, sondern zeichnet ein Bild der Situation in Homs, seiner Heimatstadt in Syrien, die er völlig überstürzt verlassen musste. Drei Protagonisten werden exemplarisch vorgestellt, die von ihrer Geschichte und ihrem Werdegang erzählen.

Da wäre zum einen das junge Mädchen (Anja S. Gläser), dessen Traum Ärztin zu werden sich wohl nie erfüllen wird. Sie versucht ihrem Vorbild nachzueifern und wird zunächst als Sanitäterin eingesetzt, scheitert jedoch schließlich an der verzweifelten Situation in der Stadt, die tagtäglich unter Beschuss steht und den traditionellen Erwartungshaltungen der ihr nahestehenden Menschen, die ihr ganz eigenes Frauenbild entwerfen. Auch den beiden anderen Charakteren geht es nicht anders (Patrick Berg und Marius Lamprecht): Sie haben Wünsche an ihr Leben, das sich angesichts der prekären politischen Entwicklungen vor Ort ganz anders entwickelt, als jemals gedacht. Die Ambivalenz in der Gefühlswelt und die letztlich eintretende Selbstaufgabe stellen die drei Darsteller völlig überzeugend und auf eine gänzlich unpathetische Art dar. Sie berichten und zeigen ihre Situation auf, ohne dabei anklagend zu werden oder direkte Schuldzuweisungen zu verbalisieren. Dennoch zeigt sich eben ihre Verzweiflung in der Schlichtheit der gesamten Szenerie.

Alsawah unterstützt gelegentlich die Darbietung gesanglich mit einem syrischen Volkslied, die Einfachheit der Kostüme suggerieren, dass es sich um ganz gewöhnliche Menschen handelt, die eben keine Sonderstellung in der Gesellschaft einnehmen. Gekonnt eingesetzt wird die immer wieder auftretende Einspielung von Videosequenzen. Zu sehen ist ein Mann, dargestellt vom Onkel Hamdouns (Nawar Bulbul), der von seiner Flucht aus dem zerstörten Land berichtet. Die Darsteller suchen den Dialog mit ihm und untereinander. Ganz deutlich wird, dass die eigentlich zu wünschende Unbeschwertheit ihrer Jugend nicht (mehr) vorhanden ist. Sie wollen nur überleben in dieser Gesellschaft und unter den gegebenen Umständen. Eine Zukunft der Selbstverwirklichung scheint absolut unerreichbar., es handelt sich lediglich um ein Funktionieren.

Die Absurdität ihrer Situation wird eingerahmt von den plötzlichen Szenenwechseln durch Patrick Berg: Gerade erzählt er, der als Händler auf dem Markt tätig ist, noch freudig von seinem Lieblingskäse, als ihm alsbald die Gesichtszüge entgleisen und er von militanten Übergriffen und zahlreichen Toten berichtet. Eine Herausforderung an die schauspielerische Leistung, die Berg souverän meistert.

Wirkung beim Publikum

Hamdoun hat ein ergreifendes Bühnenstück geschaffen, das einen ausgezeichneten Eindruck der Umstände in Syrien und den Beweggründen der Menschen für ihre Flucht trotz aller Risiken und Widrigkeiten vermittelt. Aktueller könnte die Thematik kaum sein und die Auseinandersetzung mit der Thematik verläuft eher auf der Metaebene, was ein besonders gelungener Handgriff seitens des Regisseurs ist. Obwohl viele Aspekte nur vage angedeutet worden sind, ist bei den meisten Zuschauern wohl kein Auge trocken geblieben – so fesselnd und von emotionaler Tiefe ist die Lebensrealität der drei Protagonisten transportiert worden.

Ein schöner Zug ist ebenfalls, dass im Anschluss an das Stück – nach einer kurzen Pause, um die Handlung wirken lassen zu können – ein Publikumsgespräch mit allen Mitwirkenden stattgefunden hat. Im Plenum sind dann Fragen zur Gestaltung des Stücks gestellt worden, zudem ist der persönliche Hintergrund der beiden syrischen Akteure in Zusammenhang mit dem Stück näher beleuchtet worden. Ganz offen und geduldig haben Hamdoun und Alsawah Auskunft gegeben und dem Thema Betroffenheit eine neue Dimension verliehen.

(Uraufführung: 11.09.15; Veranstaltungsdatum meines Besuchs: 21.03.16)

 

Mitwirkende:

Regie: Anis Hamdoun

Bühne: Mona Müller

Kostüme: Anna Grabow, Miriam Schliehe

Dramaturgie: Elisabeth Zimmermann

Gesang: Zainab Alsawah

Schauspieler: Patrick Berg, Anja S. Gläser, Marius Lamprecht

Darsteller Videoinstallation: Nawar Bulbul

 

Ein Hinweis in diesem Zusammenhang: http://fluechtlingspaten-syrien.de/

Die Flüchtingspaten machen sich dafür stark, Flüchtlingen und Angehörigen Geflüchteter aus Syrien eine sichere Reise nach Deutschland zu ermöglichen. Mithilfe von Spendengeldern, die den Betroffenen zu 100% zur Verfügung gestellt werden, ermöglicht es ein Team aus Ehrenamtlichen, in Deutschland für eine ordentliche Unterbringung zu sorgen. Ziel ist ein Ankommen der Menschenund und die Unterstützung bei einem guten Start durch Sprach- und Integrationskurse, sowie Angebote in den Bereichen Bildung und Freizeitgestaltung.

 

Videobeitrag zum Kritiker-Gespräch zwischen dem Regisseur Anis Hamdoun und Nachtkritik vom 13.06.16:

https://www.youtube.com/watch?v=sTcRgnJB4Go

 

 

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