Wagners Lohengrin

Geige_Wagner_Titel

 

Osnabrück. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt: Osnabrück inszeniert Wagners Lohengrin

 

Nun war es soweit: Der Besuch „meiner“ ersten Wagner-Oper stand bevor. Zugegebenermaßen waren meine Erwartungen nicht allzu groß. Ich hatte zuvor zwar schon einige Opern verschiedener Komponisten gesehen, aber Wagner schien mir doch nochmal eine Sonderrolle einzunehmen. Bedenken, dass mir die Musik nicht gefallen könnte, hatte ich keine. Vielmehr waren es die Rahmenbedingungen: Meiner Vorstellung nach müsste es sich bei Lohengrin um ein opulentes, schweres Werk handeln. Außerdem ist Wagner für die enorme Länge seiner Kompositionen bekannt und die Aussicht auf eine angekündigte Veranstaltungslänge von insgesamt 4,5 Stunden schien mir somit alles andere als kurzweilig zu werden. Trotz dieser anfänglichen Bedenken stand jedoch völlig außer Frage, dass ich diese Bildungslücke unbedingt schließen wollte und mir die Inszenierung des Osnabrücker Theaters ansehen würde. Ich war also sehr gespannt auf das, was mich erwarten würde.

 

Die dramatische Geschichte des Schwanenritters des Grals

Die romantische Oper in drei Akten hatte Wagner in drei Jahren und mehrfacher Überarbeitung einzelner Partituren Arbeit geschaffen. Der hier verarbeitete Stoff ist mehr als fesselnd und bietet einiges an Variationsmöglichkeiten und Interpretationsspielraum, stellt die Theaterschaffenden aber zugleich vor eine enorme Herausforderung: Lohengrin, der Sohn Parzivals, wird ausgesendet, um die Ehre Elsas von Brabant, die zu Unrecht des Verbrechens „Brudermord“ angeklagt wird, zu verteidigen. Geschützt durch einen Zauber, der ihm als Gralshüter zusteht, verfügt der Edle über übermenschliche Kräfte und weist den von Elsa verschmähten Grafen Friedrich von Telramund in seine Schranken, hat dieser doch die Jungfrau angeklagt. Nicht nur Kränkung führte hierzu, sondern auch die (körperliche) Verbundenheit des Grafen zu der Seherin Ortrud. Diese intrigiert gegen die Erben von Brabant, wohl begründet darauf, dass die „alten“ germanischen Götter, die sie anzubeten pflegt, vom Volk durch einen neuen, monotheistischen Gott ersetzt wurde.

Telramund, der durch ein Gottesurteil, einem Zweikampf, in dem Lohengrin gegen ihn siegte und durch den die Anklage gegen Elsa fallengelassen wurde, entehrt und ins Exil geschickt wurde, lässt sich voll und ganz auf dieses inszenierte Ränkespiel ein. Lohengrin ist es verboten, Auskunft über seine Herkunft und seinen wahren Namen zu geben – eine Bedingung, auf die Elsa, die ihren heldenhaften Retter verehrt, ohne weiteres eingeht. Ortrud jedoch sät bewusst Zweifel in der jungen Frau und treibt diese schließlich annähernd in den Wahnsinn mit ihren Anschuldigungen gegenüber dem Fremden und doch frisch Angetrauten.

Obwohl der perfide Plan Ortruds zunächst aufzugehen scheint, gibt es letztendlich doch noch ein gutes Ende. Gottfried, der tot geglaubte Bruder Elsas, der rechtmäßige Erbe von Brabant, wird aus der Gestalt des Schwans befreit, der Lohengrin übers Wasser nach Brabant gebracht hat. An dieser Stelle werden die strukturellen Parallelen zur griechischen Tragödie deutlich, auf die Wagner bei der Komposition zurückgegriffen hat. Die Erlösung des Jungen wurde durch das Handeln Ortruds und Telramunds herbeigeführt, deren Zielsetzung eine völlig gegensätzliche war. Lohengrin muss seine Geliebte verlassen, doch der Friede im Land, das kurz vor einem Krieg stand, ist wiederhergestellt durch die Inthronisierung des rechtmäßigen Erbens.

Schwer wiegt bei Lohengrin die Gesellschaftskritik, die völlig zeitlos zu sein scheint und durchaus als Appell verstanden werden kann: Ein Zerbrechen integrer Persönlichkeiten an den Veränderungen in der Gesellschaft, die Verantwortung Einzelner und die blinde Gier nach Macht und damit einhergehende blinde Wut Anderer.

 

Die Herausforderung einer derartigen Inszenierung ohne Opernhaus

Das gesamte Szenario wurde von der Regisseurin Yona Kim entgegen der üblichen pompösen Gestaltung eher minimalistisch gehalten. Fokussiert aufs Wesentliche war es so möglich, was zunächst als Wagnis galt. Das Osnabrücker Theater hat trotz einer für diese Inszenierung vermeintlich zu kleinen Bühne eine Inszenierung dargeboten, die es sicherlich mit jedem größeren Haus aufnehmen kann. Getreu dem Vorsatz „Aus der Not eine Tugend machen“ haben alle Beteiligten eine außerordentliche Bühnenfassung abgeliefert. Die Bühne wird von Wänden eingerahmt, die sowohl als Projektionsfläche als auch als Aufbau mehrerer Etagen genutzt wird, die einzelne Chorszenen beherbergt. Die Kulisse wirkt ansonsten kaum vorhanden, ist insgesamt eher symbolisch als Tribunal der gesamten Szenerie präpariert.

Auch die Kostüme wirken eher schlicht gehalten. Die Bürger tragen einfache Kleidung in hellen Beige- und Grautönen, die farblich an die Zwangsjacke erinnern, die der junge Gottfried angesichts der Gefangenschaft in dem Schwanenkörper trägt, aus der er sich nicht selbst befreien kann. Die Gefolgsleute des deutschen Königs Heinrich dem Vogler (Jose Gallisa), der zur Gerichtsverhandlung anreist, tragen ihrerseits schlichte Uniformen. Ein stimmiges Bild wird von den Bühnenverantwortlichen Margrit Flagner und Hugo Holger Schneider entworfen, das allenfalls die Hauptprotagonisten, deren schlichte Kleidung aus edleren Stoffen gefertigt wurde, in den Vordergrund rückt und ihnen den angemessen Platz verschafft.

Die Aufteilung der Bühne gleicht einem Geniestreich: Das Symphonierchester findet auf dem hinteren Teil der Bühne Platz, der üblicherweise dem Rangieren der Kulissen vorbehalten ist. Da die Notwendigkeit hierfür entfällt, beeindruckt das Orchester unter der Leitung des Generalmusikdirektors Andreas Hotz mit einer großartigen Klangqualität und bravourös gespielten Partituren, auf die man als Besucher während der gesamten Aufführung einen hervorragenden Blick hat. Der somit frei gewordene Orchestergraben wird wiederum als Treppe genutzt, der einen einen beeindruckenden Einzug Lohengrins und des Heeres des Königs aus dem Souterrain offenbart. Selten war eine Oper dem Publikum den ersten Reihen im Zuschauerraum wohl so nah. Fast hat man den Eindruck, in das Geschehen miteinbezogen zu werden.

 

Von Debütanten und erfahrenen Solisten

Lina Liu, die Elsa verkörpert, gibt in dieser Spielzeit ihr Debüt in dieser Rolle. Gesanglich überzeugt die chinesische Sopranistin genauso wie in der einfühlsamen Darstellung der jungen Frau, die so offenkundig unter den gegebenen gesellschaftlichen Umständen und der ihr aufgebürdeten Verantwortung für die Regierung leidet. Besonders beeindruckend stellt sie die Vergebung Elsas gegenüber Ortrud dar, wenngleich diese ihr stets negativ gesonnen zu sein scheint. Tiefes Mitgefühl macht sich breit, wenn man sieht, dass sie – reinen Herzens und erfüllt von Naivität – die Nähe ihrer Antagonistin sucht. Ortrud, die von der Amerikanerin Andrea Baker verkörpert wird, liefert gesanglich einen ebenso gelungenen Auftritt ab. Die Erfahrung der Mezzosopranistin mit dieser Rolle ist offenkundig. Sie spielt nicht nur die starke Frau, die für ihre Überzeugungen eintritt, sie ist diese Frau. Der Liebhaber Ortruds, der die schicksalshaften Geschehnisse durch seine Einforderung des Gottesurteils erst einleitet, wird von Rhys Jenkins gemeistert. Die Liste seines Repertoires lässt bereits erahnen was sein Auftritt als Friedrich von Telramund bestätigt: Dieser walisische Bariton versteht sein Handwerk.

Die ursprüngliche Besetzung für die Rolle des Lohengrins war leider aus gesundheitlichen Gründen ausgefallen, weshalb am Abend vor der von mir besuchten Vorstellung kurzentschlossen Ersatz gesucht wurde. Eric Laporte, der kanadische Tenor, der diese Spielzeit als Lohengrin am Theater Ulm debütierte, sprang kurzfristig ein und ermöglichte so die Oper an diesem Abend, die zugleich die letzte der Spielzeit 2015/2016 gewesen ist. Auch hier lässt sich ohne Zweifel sagen, dass er die Rolle souverän dargeboten hat.

 

Denken in großen Dimensionen

Während schon die Solisten und das Orchester tiefe Begeisterung in mir auslöst haben, hat mich der Klang des Chores absolut überwältigt. Der Chor des Osnabrücker Theaters wurde um zahlreiche Sängerinnen und Sänger für diese Operninszenierung verstärkt und hat während der Aufführung bei Vollständigkeit beinahe die gesamte Bühnenfläche ausgefüllt. Die imposante Zahl von 63 Chorsängern ist dann vielleicht doch als pompös zu bezeichnen.

Selten habe ich erlebt, dass die Musik einer Oper durchgängig so melodiös klingt. Einzelne Instrumente sind trotz der Größe des Orchesters herauszuhören, Solisten klingen durch den Chorgesang hindurch und wecken den Eindruck eines Kanons. Doch allem voran sind es die Chorpassagen, die tiefe Emotionen ausgelöst haben und mir so eine nachhaltige Liebe zu Wagners Werk beschert haben. Dass es vielen anderen Besuchern an diesem Abend ähnlich gegangen ist, bestätigt der Applaus, der allen Beteiligten am Ende des Stücks eine ununterbrochene Viertelstunde Respekt für ihre Arbeit und Leistung zollte – eine Leistung, die zweifelsohne ihresgleichen sucht.

(Veranstaltungsdatum: 03.06.16)

 

 

Besetzung:

Musikalische Leitung: Andreas Hotz
Inszenierung: Yona Kim
Bühne und Kostüme: Margrit Flagner, Hugo Holger Schneider
Choreinstudierung: Markus Lafleur
Dramaturgie: Ralf Waldschmidt, Alexander Wunderlich

Heinrich der Vogler, deutscher König: Jose Gallisa
Lohengrin: Eric Laporte
Elsa von Brabant: Lina Liu
Friedrich von Telramund, brabantischer Graf: Rhys Jenkins
Ortrud, seine Gemahlin: Andrea Baker
Der Heerrufer des Königs: Dennis Sörös
Vier brabantische Edle: Daniel Wagner, Mark Hamman, Silvio Heil, Genadijus Bergorulko
Vier Edelknaben: Radoslava Yordanova, Elena Soares da Cruz, Kathrin Brauer, Inga Reniger
Herzog Gottfried, Elsas Bruder: Johannes Blum, Leander Kubillus/Christian Gerling

Opernchor und Extrachor des Theaters Osnabrück
Herren des coruso Opernchors
Statisterie des Theaters Osnabrück
Osnabrücker Symphonieorchester

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *