Zukunft des Theaters – Gedanken

Treppe_Bücher

Osnabrück. Gedanken zur Zukunft des Theaters – Oder: Zur (kulturellen) Lage der Nation

Neulich saß ich mit einer Freundin auf der Treppe vor dem Theater. Bald sollte die Vorstellung an diesem Abend beginnen und allmählich strömten die Gäste Richtung Eingang. Ich stellte fest, dass das Publikum meiner Beobachtung nach immer älter wurde. Meine Begleitung stimmte bedauernd zu, das sei ihr auch schon aufgefallen. Was das wohl für die Zukunft des Theaters bedeute?

Tatsächlich ist dies eine Frage, die ich mir auch schon seit einiger Zeit immer wieder stelle. Die Theaterbesucher werden weniger, in den Zeitungen liest man tagtäglich, dass Kulturinstitutionen wirtschaftlich zunehmend zu knapsen haben. Die finanzielle Lage ist prekär und Schauspieler leisten enorme Arbeit für Hungerlöhne. Vor ein paar Wochen gab es hierzu konkrete Daten: Eine reguläre 48-Stunden-Woche, ganze acht Wochenenden im Jahr frei. Das Land darf man – wenn man denn eines der seltenen festen Engagements ergattert – nur auf schriftlichen Antrag verlassen. Ansonsten hat man zur Verfügung zu stehen. Außerdem hat man dafür Sorge zu tragen, dass man sich körperlich fit hält und es nur in absoluten Notfällen zu Ausfällen kommt. Ein wahrer Knochenjob also, und das für einen Nettolohn von 1200 Euro. Eine Gehaltserhöhung bis zum üblichen Renteneintrittsalter ist kaum erwähnenswert. Ich habe großen Respekt für diese Leistung, die sicherlich nur großer Leidenschaft für das Theater geschuldet sein kann.

Das Thema Wertschätzung

Anderen Menschen Anerkennung für ihre Leistungen angedeihen zu lassen, ist aber leider in unserer Gesellschaft nicht unbedingt an der Tagesordnung. Nicht, dass dieser Umstand schon schlimm genug wäre, die gern genutzten Kommentarfunktionen bei den Onlinemedien treiben mich in diesem Zusammenhang regelmäßig zur Weißglut. Respekt und Anstand scheinen den meisten Personen hier im Zuge ihrer vermeintlichen Netzanonymität völlig fremd. Erschreckend ist, welch geringe Wertschätzung anderen Menschen gegenüber in diesen Kommentaren durchsickert.

In einem Kommentar beschwerte sich eine Frau darüber, wie teuer doch ein Theaterbesuch heutzutage sei, und dass sie überhaupt nicht verstehen könne, warum die Theater sich bei den Preisen über Finanzprobleme wundern: De facto beschwert sie sich über Eintrittspreise für das Osnabrücker Stadttheater, die in der angegebenen Höhe noch nie erhoben wurden. Des Weiteren kämen völlig überteuerte Snacks in den Pausen hinzu. Ähm, also ich persönlich finde, dass ein Glas Wein für 2,50 Euro absolut erschwinglich ist. Gleiches gilt für die Preise aller anderen Snacks. Ein Kinobesuch kostet den Besucher ein Vielfaches. Außerdem würde ein Theaterabend insgesamt erst recht teuer werden, wenn man anschließend noch Essen gehen möchte oder sich auf einen Drink in eine Bar setzt. Ich persönlich sehe zwischen der ausschweifenden Rahmengestaltung des beschriebenen Abends keinerlei direkten Zusammenhang mit dem Theater an sich, aber nun gut.

Ein anderer Kommentar, den ich in ähnlicher Form schon häufiger in den letzten Monaten gelesen habe, gibt ein völlig unreflektiertes Denken wieder, das ich nicht nur ignorant finde, sondern auch bezeichnend für die Veränderung der Mediengewohnheiten. Zum Kontext: Es ging in dem kommentierten Zeitungsartikel darum, dass das Theater Bielefeld erneut einige Tausende Euro einsparen muss. Seitens der für diese Kürzung der Mittel verantwortlichen Politiker wird aber dennoch erwartet, dass die Qualität der Inszenierungen gleichbleibend sein soll. Schließlich gehöre die Bielefelder Theaterlandschaft zum kulturellen Aushängeschild der Stadt. Die Angestellten und freien Beschäftigten vor Ort haben zwar versucht, sich mit einer Petition gegen diese Maßnahmen zu wehren, haben aber zugleich zugesichert, ihr Möglichstes zu versuchen, um dem Publikum unter allen Umständen den erwarteten Standard zu liefern.

Kommentare, die enttäuschen

Die Enttäuschung angesichts der aussichtslosen Situation und eine aufkeimende Resignation kamen in dem Artikel deutlich zum Ausdruck. Ich bin naiv davon ausgegangen, dass sich der gemeine Bielefelder Zeitungsleser solidarisch zeigen würde, schließlich wird das Freizeitangebot der Stadt gefährdet. Weit gefehlt: Man wundere sich darüber, dass überhaupt so viel Geld in das Theater investiert würde. Zum einen müsse man ja nicht so viele Leute fest beschäftigen, zum anderen würde sich doch sowieso niemand für das Theater interessieren – also: rausgeschmissenes Geld.

Nun war ich enttäuscht – und auch ziemlich verärgert. Dem werten Herren war sein Gram anzumerken. Auch schien ihm nicht bewusst zu sein, dass es durchaus Menschen gibt, die die Unterstützung und Förderung von Kulturinstitutionen für wichtig erachten. Wichtiger sogar, als die seiner Meinung nach anstehende Investition in einen weiteren Kinokomplex nach amerikanischem Vorbild.

Entwicklungen und Ansätze

Ich frage mich wirklich, wo das hinführen soll. Stellen wir uns eine Zukunft vor, in der die Rezeption von Kultur nicht nur wie derzeit stiefmütterlich behandelt, sondern tatsächlich als überflüssig erachtet wird. Der Anteil an gebildeten Menschen wird zunehmend geringer (ich meine hier wirklich „gebildet“, also im Sinne von guter Allgemeinbildung und vielseitig interessiert, nicht zu verwechseln mit intelligent). Vermutlich aus Bequemlichkeit? Maßstäbe werden von den Fernsehformaten der Privatsender gesetzt, die sich unter dem Label „Reality Soaps“ verstecken. Voyeurismus feinster Art, das Denken wird von anderen übernommen. Gleiches gilt für die meistgenutzten Nachrichtenformate, die i.d.R. aus reißerischen Überschriften und mehr Bildern als Textanteil bestehen. Seriöser und informativer Journalismus ist hier Fehlanzeige. Beschallung ist mal okay, aber es sollte eben nicht die einzige Form von Informationsaufnahme sein. Denn das kann fatale Folgen haben.

Einer aktuellen Studie zufolge bleiben viele Menschen dem Theater fern, da sie befürchten, dass sie die Handlung schlichtweg nicht verstehen. Nur jeder zweite Deutsche nutze regelmäßig Kulturangebote. Zu welcher Hälfte man zähle läge hauptsächlich darin, ob man als Kind in Kontakt mit derartigen Angeboten gekommen sei. Inwiefern dies wirklich stimmt, kann ich nicht einschätzen. Ich weiß aber sehr wohl, dass ich persönlich meine Leidenschaft für Literatur erst mit ungefähr zehn Jahren entdeckt habe. Das Theater als Institution und ganz eigene Ausdrucksform von Kunst und Gesellschaftskritik erweckte mein Interesse erst als Jugendliche. Meiner eingangs genannten Freundin geht es da ähnlich: In ihrer Kindheit gab es kaum Berührungspunkte, dennoch ist sie jetzt Mitglied einer Gesellschaftsschicht, für die Kulturrezeption Normalfall sein dürfte, und von der sie auch rege Gebrauch macht.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Ich habe keine Patentlösung für das „Problem“, aber ich mache mir eben meine Gedanken. Denn ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, die Theater, Literatur und Kunst als überflüssig erachtet. Und ich weiß auch nicht, ob es damit getan ist, Kindern flächendeckend bereits früh den Zugang zu kulturellen Einrichtungen zu ermöglichen und ihnen so die Berührungsängste zu nehmen. Aber ich halte es für einen Ansatz, denn der Nachwuchs darf dem Theater nicht ausgehen. Nicht auf der Bühne und auch nicht davor. Kultur kann und sollte zu einem völlig normalen Bestandteil der Lebenswelt werden, egal welchen Background man hat. Ich gebe die Hoffnung jedenfalls nicht auf, dass den Menschen bewusst ist, wie wichtig die prägende und vermittelnde Kraft von Kulturangeboten für uns ist. Sowohl in der Gegenwart, als auch als Aufarbeitung unserer Vergangenheit, allem voran aber für unsere Zukunft. Ich hoffe, dass es diesen Menschen schlichtweg zu blöd ist, auf die diskreditierenden Kommentare anderer in den Onlineangeboten zu antworten – und dass diese Kommentare eben keinen Spiegel der Gesellschaft darstellen.

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Hier ein Link zu dem „Ensemble Netzwerk“: Für bessere Arbeitsbedingungen an deutschen Theatern und ein Mutmacher für alle, die an das Potenzial und die Zukunft des Theaters glauben.

http://www.ensemble-netzwerk.de/

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